Posts Tagged ‘Zürcher’

Auf dem Land

5. August 2018

Wenn wir von der Stadt aufs Land ziehen, dann nur darum, weil «es im Dorf ruhiger» ist und «die Schulen besser» sind. Nicht etwa, weil das Leben in der Stadt zu teuer geworden ist, nein. Aber so sein wie die rückständigen Landmenschen, das dann schon lieber nicht. Nein danke. Die wählen ja SVP. Aber wir, ja wir sind politisch kompetent. Man weiss, wie der Hase läuft (also, eigentlich hoppelt er ja, ha ha).

Und wenn der Zürcher in einen anderen Kanton umzieht (weil es ruhiger ist, Mann!) dann hört er sich gerne sagen, dass er sich also schon ein bisschen schäme mit dem neuen Autokennzeichen. «AG» oder «TG», das ist an Schlimmheit kaum zu überbieten. Plötzlich kommt ein anderer Verkehrsteilnehmer auf die Idee, man sei kein überdurchschnittlich guter Autofahrer. Inkompetent.

Nein, Aargau, das geht gar nicht. Eben kürzlich hatten wir darüber gesprochen, als wir mit der Bahn diesen Kanton durchquert haben, auf dem Weg zur «No Borders – No Nations»-Demonstration. Rückständig. Wir wären ja gerne mit dem Auto hingefahren, doch gerade bei Grossanlässen sind Parkplätze rar. Zudem ist unser Tesla im Service. Und mit dem Zweitwagen, einem Diesel-SUV, sollte man da nicht auftauchen. Gehört sich nicht, irgendwie.

Auf dem Land gucken die Leute auch nicht so blöd, wenn man einmal Produkte einkauft, die nicht aus biologischem Anbau sind. Die Leute sind etwas entspannter diesbezüglich. In der City musst Du ja die nicht-biologischen Waren zuunterst in die Tragtasche packen. Könnte ja einer sehen, den man trifft. Ja, inzwischen gefällt es uns ganz gut, auf dem Land. Es sind einfache Leute, aber sehr freundlich. Und nicht so eitel.

Der Zürcher: Eine Hommage

5. April 2010

Als der Zürcher erfunden würde … – oh, nein, so darf ein Text nicht anfangen. Zu plakativ, zu despektierlich. Also: Als die Schweizer einen so hohen Lebensstandard erreicht hatten, dass es ihnen an nichts mehr mangelte, da kam einer auf die Idee, dass es eines richtigen Feindbildes bedürfe (man weiss nicht mehr, wer das war, doch es muss ein Linker gewesen sein, die ja für alles Elend dieses Landes verantwortlich sind). Die beiden Weltkriege waren vorbei, der Kalte Krieg inzwischen etwas lauwarm, das Böse besiegt und die Tische gedeckt. Woran sollte sich unsereins noch stören? – Der Klischee-Zürcher war geboren.

Laut, selbstbewusst, hochnäsig und mit geschliffenem Mundwerk zieht er durch die Landen und ist immer ein kleines bisschen besser als alle anderen Schweizer. – Wobei es die anderen Schweizer per Zürcher Definition eigentlich nicht gibt. Denn Zürich ist die Schweiz, sozusagen, nein, Zürich ist die Welt. Der kosmopolitische Mann von der Limmat kriegt das kühle Bier schneller serviert, steht am Flughafen weiter vorne in der Warteschlange und – das schmerzt besonders – hat diejenige Mode, die wir heute als voll trendy erachten vor zirka drei Jahren fachgerecht im Texaid-Kleidersack verstaut. So ist das.

Er ist der Münchner Deutschlands, der Pariser Frankreichs, der New Yorker der USA. Immer besser, immer einen Tick schneller, erfolgreicher. Und das weiss er auch. Apropos New York: Wenn Sie mit einem Stadtzürcher über das Nachtleben und das kulturelle Angebot seiner Heimat sprechen, dann fallen gut und gerne Städtenamen wie London, Berlin – oder eben: New York. Das nennt man ein gesundes Selbstbewusstsein, im Jargon.

Und irgendwie mögen wir sie doch, den Zürcher, die Züricherin. Trotz allem. Ansonsten wäre unser Leben zu perfekt. Was ist schon eine Suppe ohne Haar? – Eben! Deshalb feiern wir ihn, den Tag, als der Zürcher erfunden wurde. Also, heimlich natürlich. Nicht, dass die das noch mitkriegen.