Posts Tagged ‘Wahn’

Chronologie des Wahnsinns

23. September 2010

Als sich die Rinder entschlossen, dem Wahn zu verfallen, waren sich nicht alle auf Anhieb einig. Es wurde demokratisch abgestimmt, der Legende zu folge, die natürlich nicht stimmen kann, weil die Geschichte bekanntlich in Grossbritannien ihren Ursprung hat: Die Minderheit ging sich zu McDonald’s aufwärmen; die anderen erfanden BSE. Eine Pioniertat.

Der Wahnsinn wurde mehr und mehr zur Normalität, wurde sozusagen salonfähig, weil ihm immer mehr verfielen (was böse Zungen dazu verleitet, Parallelen zum Schweizer Volk zu ziehen. Aber das ist eine andere Geschichte). Angst regierte die Gabelspitze, Rindfleisch aus dem Land der Teetrinker zu konsumieren war gleichbedeutend wie ein Bad im Golf von Mexiko.

Vegetarier applaudierten und sahen sich darin bestätigt, dass der Mensch keine toten Tiere essen sollte, auch keine lebenden, und täglich wurden Meldungen von an Wahn erkrankten Leuten publik. Selbst Menschen, die noch nie Rindfleisch gegessen hatten, wurden wahnsinnig, schon nur beim Gedanken daran.

Es war ein Stich ins Herz der Zivilisation. Wenn in Somalia eine neuartige Pest ausbricht, dann sind wir so etwas von betroffen, können damit jedoch umgehen. Aber die Todesgefahr auf dem eigenen Teller? – Das geht gar nicht. Selbst die Schweiz – die weder bei Weltkriegen noch sonst wo mitmacht – blieb nicht verschont: Därme aus Brasilien durften nicht mehr zur Nationalwurst namens Cervelat verarbeitet werden. Ein Schelm, wer hier von einem Marketing-Gag spricht.

Und plötzlich war alles vorbei, plötzlich konnten wir aufatmen. Die Gefahr war vorbei, die Cervelat gerettet. Alles war gut. – Oder andersrum: Es war Zeit für einen neuen Lebensmittelskandal.

Der Wahn

20. September 2010

Der Wahn suchte nach einem Sinn. Bis anhin war er ganz sinnlos gewesen, frei von jedem Sinn, freisinnig. Nein, dachte er, es müsse doch einen Zweck geben, einen Wahnzweck sozusagen. Oder, dachte er, so etwas wie ein Wahngemüt. Das klang natürlich völlig verrückt. Dennoch, dachte der Wahn, musste es eine Daseinsberechtigung für ihn geben, zweifelsohne, so irr die Idee auch klingen mochte. Es war Irrsinn. Und so suchte der Wahn weiter und weiter. Und wenn er ihn nicht gefunden hat, den Sinn, dann sucht er heute noch.