Posts Tagged ‘Verspätung’

Ja ja

18. August 2010

Mittlerweile gehört es ja zum guten Ton, gegen die SBB zu wettern: Zu häufig Verspätung, zu teuer, zu überfüllt, zu dreckig, zu bahnig. Natürlich ein guter Grund, hier und jetzt in die gleiche Kerbe zu schlagen.

Sitze ich also im Zug von Zürich nach Aarau, der – die Tradition will es so – mit genau so viel Verspätung unterwegs ist, damit der Anschluss in Aarau nicht erreicht werden kann. Vermutlich ist das so eine Art Ehrenkodex unter Zugführern, diese Strecke auf gar keinen Fall pünktlich zu fahren. Oder es ist ein Kündigungsgrund, wenn einer auf die vollkommen absurde Idee kommt, nach Fahrplan anzukommen (das sind dann diese Fälle, in denen im Arbeitszeugnis steht, der Mitarbeiter sei zu pingelig gewesen).

Jedenfalls wurden die Passagiere informiert, dass aus irgendwelchen Gründen – Fahrleitungsstörung, Stellwerkstörung, Kaffeepause, Atomkrieg – eben dieser Zug mit Verzögerung ankommen wird. Und am Ende der Durchsage der wundersame Satz

Wir danken für ihr Verständnis.

So so. Die Schweizerischen Bundesbahnen danken mir also für mein Verständnis. Da stelle man sich die berechtigte Frage, wie die Schweizerischen Bundesbahnen wissen können, dass ich Verständis habe. Böse Zungen würden wohl behaupten, dass dies eine Behauptung sei, das implizite Verständnis aller Fahrgäste, dass der Zug zu spät ankommen wird.

Na ja, man kann ja auch hingehen und sagen, dass es ja Glück sei, überhaupt anzukommen. Der Zug hätte sich ja überschlagen und von einer achzig Meter hohen Brücke in die Aare stürzen können. Was – und da bin ich ganz ehrlich – auch nicht sonderlich angenehm sein dürfte. Mit Sicherheit hätten jedoch auch da die Passagiere ein sonderbar kollektives Verständnis. Bis ins Grab. Und der Pfarrer würde dann bei der Beisetzung die tröstenden Worte sprechen, dass der Verstorbene ein passionierter Bahnfahrer mit extrem viel Verständnis gewesen sei. Na ja.

Jedenfalls fällt mir dazu jetzt auch nicht mehr ein. Ich bin mir allerdings sicher, dass Sie da … – okay, okay, jetzt ist aber Schluss. Basta!

Zehn Minuten

25. März 2010

Bolivien. Eine Busfahrt von Cochabamba nach Sucre dauert 11 Stunden, versichert der Mann am Ticketschalter mit Vertrauen erweckender Miene. Gut. Nachtfahrten sind gefährlicher als Tagfahrten, wegen der Überfälle. Sagt Lonely Planet. Allerdings spart der Tourist beim Ersteren eine Übernachtung in der Herberge. Gut: Nachtbus.

Mit einer Stunde Verspätung fährt der Bus los. Während der Fahrt hält der Chauffeur ein paar Mal an, um weitere Passagiere aufzunehmen, die jedoch keinen Sitzplatz mehr finden. Sie legen sich im schmalen Korridor hin. Ihr Fahrtgeld wandert in die Taschen des Personals. Jedem das Seine.

Um etwa drei Uhr morgens zieht ein wüstes Gewitter auf, weshalb der Bus zum Stehen kommt. Es herrscht Erdrutschgefahr. Das Dach des Fahrzeuges ist offenbar ein Schönwetter-Dach, denn die Insassen erhalten eine kalte Dusche.

Schliesslich fahren wir weiter, doch an vielen Stellen ist die Strasse überspült. Dann steigen ein paar Männer aus (auch Fahrgäste) und machen mit Schaufel und Pickel den Weg passierbar. Keiner murrt.

Etwa eine Fahrstunde vor dem Ziel hat sich ein regelrechter Fluss quer durch die Piste gepflügt. Mit normalen Werkzeugen ist da nichts zu machen. Schade. Ein paar Leute steigen aus und begutachten die Situation. Pause.

Ich frage den Fahrer, was man da mache. Die Antwort: „Wir können nicht durch“. Gut, das ist einleuchtend. Immer noch Pause.

Ich frage, was wir jetzt machen würden. „Wir können nicht durch, wir müssen warten“.

Angesichts der grossen Wassermenge, die über die Strasse plätschert, hake ich nach, auf was wir warten müssten. Seine Antwort: „Wir müssen warten“. Der Fahrer lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Unter den Gästen sind Frauen mit Kleinkindern. Egal. Warten.

Nach etwa zwei Stunden Warten im Ungewissen verlangen wir unsere Rucksäcke aus dem Gepäckraum und waten – gemeinsam mit einem anderen Touristenpärchen – durch das Wasser ans andere Ufer, an dem sich glücklicherweise ein kleines Dorf befindet. Dort feiert man (es ist der 2. Januar) immer noch Neujahr und ist ziemlich betrunken. Sehr ziemlich.

Trotzdem organisiert ein hilfsbereiter Bewohner ein Auto, welches uns sicher nach Sucre bringt. Insgesamt sind zehn Personen in einen Kombi gepfercht, das Gepäck auf das Dach geschnallt. Die am Strassenrand stehende Polizeipatrouille allerdings winkt uns durch. Mit etwa sechs Stunden Verspätung treffen wir in Sucre ein.

Szenenwechsel: Zürich Hauptbahnhof, abends. Stosszeit. Der Zug nach Lenzburg-Aarau-Liestal-Basel ist überfüllt. Viele Pendler haben die Stehkarte gezogen. „Infolge einer Stellwerkstörung hat dieser Zug fünf bis zehn Minuten Abgangsverspätung“. Und dann bittet die metallene Stimme um Verständnis. Viele Passagiere ärgern sich, raunen, werden nervös, greifen zum Mobiltelefon, beschweren sich beim Zugbegleiter.

Und zehn Minuten später… – fährt der Zug los.