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Das Letzte!

17. Juli 2017

Etwas Schlimmes widerfährt uns gegenwärtig: Das Einhorn ist auferstanden. Ob Schwimmhilfen, Kaffeetassen, Becher von amerikanischen Kaffeeketten, T-Shirts oder Zwangsjacken: Das Motiv ist omnipräsent. Marketingleute in ihrem unerschöpflichen Einfallsreichtum werfen so penetrant mit Einhörnern um sich, dass immer mehr Pferde mit Depressionen zu kämpfen haben. Sie schlagen aus. Es ist zum Schreien. Der Film «Das letzte Einhorn» war eine gemeine Lüge, leider. Doch was hat es auf sich mit diesem Wesen?

Da gibt es verschiedene Theorien. Eine besagt, dass Höhlenmalereien auf Einhörner hindeuten würden, wobei Höhlenmalereien – ganz im Gegensatz zu Höhlen – zweidimensional sind und der naive Betrachter glauben könnte, dass beispielsweise ein Ochse, der meist zwei Hörner trägt, ein Einhorn sei. Interpretationen von Höhlenmalereien sollten abgesehen davon per Gesetzt immer das Talent des damaligen Malers berücksichtigen. Selbst heute noch malt manch eine Frau eine Art Büffel, wenn sie eigentlich ihren Ehemann skizzieren will.

Eine Vielzahl an Biologen behauptet allen Ernstes, Einhörner gebe es gar nicht. Na ja, Hirnforscher zweifeln ja auch an der Existenz der Seele. Was man weiss: 1850 ist das letzte Einhorn bei einem an Tragik kaum zu überbietenden Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Angeblich durch eine Kollision mit einem Troll. Oder mit einem Trolleybus. Man weiss es nicht genau. Bereits lange Zeit vorher hat die letzte Einhorn-Metzgerei ihre Pforten geschlossen (sehr zum Leidwesen der Pferde).

Ewige Kritiker – und jetzt wird es ganz absurd – behaupten sogar, Einhörner habe es gar nie gegeben. Niemals. Das sind die gleichen Langweiler, die ständig sagen, es gebe keine Feen, Elfen oder Zwölfen. Oder in der S-Bahn etwa zwanzig Mal den «Öffnen»-Knopf drücken kurz vor dem Anhalten. Mögen wir, liebe Leserin, lieber Leser, hier und jetzt eine Minuten inne halten und an diese fantasielosen Menschen denken. Und an einen Regenbogen. Und an die Farbe Rosa. Und an den Weltfrieden, meinetwegen.

Heute: Die Unsitte

23. Mai 2010

Überall sind die, diese Unmenschen, diese Abartigen. Diese Ausgeburten der egoistischen Konsumindustrie. Überall in der Stadt. Sie tragen Kopfhörer, kleine In-Ears oder grosse, klobige Sonstwas-DJ-Kopfhörer. Sind isoliert, vollkommen, sowohl die Kopfhörer als auch die Passanten. Headphone-Zombies. Sie hören irgendwas und verpassen alles. Musikwelt. Manche hören dann herannahende Gefahren nicht und werden von der Strassenbahn überfahren.

Lustig, wenn man sich über so etwas aufregen kann (also, nicht übers Überfahren-werden, sondern über die Kopfhörerträger). Viele Leute denken so wie oben beschrieben, sprechen von einer Unsitte. Ich zeige mit dem Finger. Ein interessantes Wort: Unsitte. Etwas, was sich nicht gehört, mit einer Portion Mangel an Respekt. Lustig, was?

Im Grunde war alles einmal eine Unsitte. Nach der Erfindung des Kinderwagens war es sicherlich verpönt, sein Kind nicht zu tragen sondern faul zu schieben.  Tuschelei. Es galt einmal als Unsitte, ein Mobiltelefon zu benutzen, wenn Unbeteiligte das Gespräch mithören können. Oder, wenn Frauen Hosen trugen, und zwar nicht jene ihres Gemahls zur Waschmaschine. Unsitte. Sich auf einen Stuhl setzen, mit Besteck essen, eine Armbanduhr tragen: Alles Unsitte, früher. Das hat so etwas Wertendes, Anmassendes.

Dabei geht gut und gerne vergessen: Als die ersten Affenmenschen damit begannen, aufrecht zu gehen, tuschelten die anderen mit Sicherheit. Das geht doch nicht, seht euch den dort drüben an, der steht auf zwei Beinen, ha ha. Warum in aller Welt soll man auf nur zwei Beinen stehen. Uga uga, guckt euch den an, der hat es wohl nicht nötig, auf allen Vieren zu gehen.

So muss es gewesen sein. Was will man dazu noch sagen. Lasst doch die Musikfreunde mit ihren Kopfhörern Musikfreunde mit ihren Kopfhörern sein. Ist doch egal. Uga uga.