Posts Tagged ‘Unfall’

Fatal kausal

18. April 2015

Die sprechen ja auch unentwegt vom sogenannten kausalen Zusammenhang, die Versicherungen. Doch was ist das überhaupt, was ist die Kausalität im Versicherungs-Jargon? – Ein Schelm, wer hier und jetzt keine fachmännische Erklärung erwarten würde.

Wenn Sie zum Beispiel ein Fremder auf der Strasse anspricht und Sie nach dem Weg zum Bahnhof fragt, und Sie ihm aus Jux – man gönnt sich ja sonst nichts – einen völlig falschen Weg erklären, der über die Autobahn führt, und er wird da von einem Moped angefahren, dessen Fahrer angetrunken ist, dann ist der kausale Zusammenhang gegeben. Denn: Wir hätten den Mopedfahrer vom Alkoholkonsum abhalten sollen.

Ein zweites Beispiel zur Veranschaulichung: Ein Auto, ein Motorrad und ein Reiter mit Pferd stehen an der roten Ampel. Der Autofahrer hupt, das Pferd erschrickt sich und beisst dem Motorradfahrer – der übrigens beim blauen Kreuz ist – das rechte Ohr ab. Muss nun die Versicherung des Autofahrers die Behandlungskosten des Motorradfahrers, der ja nicht einmal betrunken war, bezahlen? – Natürlich nicht, denn der Motorradfahrer hätte einen Helm tragen sollen.

Der Kausalzusammenhang ist also beim zweiten Exempel nicht gegeben. Das sind durchaus wichtige Fragen, über die sich Experten immer wieder in den Haaren liegen. Als Faustregel gilt: Es besteht immer dann ein Kausalzusammenhang, wenn unsere Haftpflichtversicherung keine Ausrede findet. Man muss eben beweisen können, dass der andere selber Schuld ist. Wer übrigens selbst nach den obigen Beispielen den Begriff der Kausalität im Versicherungswesen nicht verstanden hat, der ist ganz einfach selber Schuld, denn: An diesem Text kann es sicher nicht liegen. Der ist perfekt.

Oh, weh!

24. Dezember 2013

Reden wir über Silvester. Sie glauben gar nicht, wie es nach Mitternacht in der Notaufnahme eines Spitals zu und her geht. Da sind Betrunkene und Verletzte. Und betrunkene Verletzte. Sie halten den Laden so richtig auf Trab. Nahezu hundert Prozent sind gemäss Bundesamt für Statistik aus ein und demselben Grund da: Sie haben sich beim Entkorken der Champagnerflasche wehgetan.

Tatsächlich entkorkt die halbe Schweiz exakt zum gleichen Zeitpunkt irgend eine Flasche, obwohl die Wenigsten auch nur den Schimmer einer Ahnung davon haben, wie das ohne Gefahr für Gäste, Mobiliar und Haustiere geht (Sie lachen vielleicht, aber die Suizidrate von Hauskatzen steigt vor Silvester dramatisch an). Natürlich leisten wir hier Aufklärung, im Zeichen der Prävention.

Als erstes sollten Sie die Flasche prüfen. Nicht wenige Gastgeber ersetzen die Etikette eines billigen Fusels (Jargon: Nuttendiesel) mit jener eines hochwertigen Champagners mit der Folge, dass sich diese im dümmsten Moment ablöst und dem an sich fachmännisch agierenden Öffner aus der Hand gleitet. Dabei verletzen sich die Wenigsten an den Glasscherben, sondern eher beim Versuch, an eine neue Flasche zu gelangen, bevor die Kirchenuhr zwölf Mal geschlagen hat.

Menschen, die das Gefäss nicht fallen lassen, unterschätzen oftmals die Wucht es austretenden Korkens. Entgegen vieler Meinungen entsteht das ploppende Geräusch nicht beim Austritt aus dem Flaschenhals sondern beim Durchbrechen der Schallmauer. Die Zielgenauigkeit darf nicht unterschätzt werden. Besonders schlaue Zeitgenossen pflegen es, eine gewisse Drolligkeit zu simulieren um präventiv den Abschuss unliebsamer Personen zu entschuldigen. Schwiegermütter werden auf Silvesterpartys immer häufiger mit Integralhelmen gesichtet.

Nebst Lampen und Deckenverkleidungen werden von den Versicherungen als teuerste Schäden Zahnprothesen genannt. Die Bezeichnung «Kronkorken» kommt nicht von ungefähr. Aber auch Fensterscheiben, Vasen und Jochbeine gehen gerne zu Bruch.

Als wären die Schmerzen einer Verletzung nicht schlimm genug, leiden die Opfer auch darunter, dass sie ihr Partner auf die Notaufnahme bringen muss und den besten Teil der Party verpasst, obwohl er sich bereits ein Jahr lang darüber gefreut hatte. Der in der Notaufnahme am Häufigsten gehörte Satz ist denn nicht «Schatz, tut es noch fest weh?» sondern «Es ist aus, du Vollidiot».

In diesem Sinne: Fröhliches neues Jahr – und gut Schuss!

Big in Tschernobyl

12. April 2011

Kurz vor dem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum des GAU von Tschernobyl führt Japan eine nukleare Katastrophe durch.

Uns Schweizern ist das ja vornehmlich egal, weil erstens Japan Zehntausende von Kilometern von hier entfernt liegt und bei uns zweitens mittlerweile nur noch Sparlampen brennen (keine herkömmlichen Glühbirnen und schon gar keine Kraftwerke) und wir daher gar nicht mehr auf Atomstrom angewiesen sind. Und: Wer die Eidgenossen kennt, der weiss, dass sie bei Katastrophen aus Prinzip nicht mitmachen, mit Ausnahme von ein paar Bergdörfern, die sich einfach nicht daran halten wollen und gelegentlich – zumindest teilweise – von Wildbächen weggeschwemmt werden.

Aber das eigentliche Thema hier soll ja Tschernobyl sein, beziehungsweise der Unfall vor fünfundzwanzig Jahren. Damals wurde der sowjetrussischen Regierung ja vorgeworfen, die Bevölkerung viel zu wenig informiert zu haben. Es sei auch hier ein Vergleich zu Schweiz erlaubt. Hier wäre so etwas undenkbar, hier gelangen ja ständig irgendwelche streng geheimen Informationen aus «Bundesdossiers» (wahrlich ein schönes Wort: Bundesdossier) auf mysteriöse Weise an die Medien, zum Beispiel an Hellseher. Ein GAU im Kernkraftwerk Gösgen würde vermutlich publik vor dessen Entstehung.

Ach ja, damals war ja die omnipräsente Frage, wohin denn der Wind die nuklear verseuchte Wolke treiben würde. Die Kachelmänner dieser Zeit standen vor dem Satellitenbild, im Fernsehen, und mutmassten mit besorgten Gesichtern, auf welche Länder denn in naher Zukunft verseuchter Regen prasseln dürfte. Einheimisches Gemüse wurde schlagartig wieder trendy, trotz des etwas höheren Preises.

Jedenfalls können wir am 26. April alle unseren persönlichen Beitrag am Tschernobyl-Jahrestag leisten. Vielleicht für einen Tag zu Hause das Licht nicht einschalten (Vorsicht bei Treppen!) oder im Büro (bitte mit Arbeitgeber absprechen). Vielleicht eine Co2-neutrale Kerze anzünden oder auf den Gebrauch der Mikrowelle zu verzichten (Wellen sind ja auch Strahlen, irgendwie). Oder in der Strassenbahn wildfremde Leute darauf ansprechen, dass Solarstrom halt schon das Beste sei und diese Bahn sicher … – Irgendwas eben, um ein Zeichen zu setzen. Wobei – warten Sie – eigentlich ist es uns ja egal, was da passiert ist.

Jack the Rib

2. Mai 2010

Rippe gebrochen. Dumm gelaufen, wirklich. Beim Fussball. Noch schlimmer: Beim Hallenfussball. Gut, einerseits klingt Hallenfussball ziemlich schwul und irgendwie nach Warmduscher- oder Synchronschwimmer-Kickerei. Anderseits sollte sich jedes Geschöpf, das auch nur einen Hauch von Fussball versteht, wenigstens im Spiel etwas zerren oder das Bein/den Fuss brechen. Aber doch nicht die Rippe. Das ist ja lächerlich. Als ob sich ein Wrestler zum Arzt begäbe aufgrund eines eingewachsenen Zehennagels.

Gott nahm doch von Adam eine Rippe und erschuf daraus Eva, oder? Umgekehrt? Weiss nicht. Also, sollte das so gewesen sein, ohne hier allzu blasphemisch zu werden, dann war das sehr, sehr schmerzhaft. Wer so blöd ist, sich im Zweikampf so gegen die Hallenwand abdrängen zu lassen und dann noch die Dreistigkeit hat, ganz ungeschickt gegen ein herausstehendes Metallstück irgendeiner Turnvorrichtung zu fallen, braucht sich wohl nicht beschweren. Hat bestimmt super-sportlich ausgesehen. Aber ist eines der Erlebnisse der Kategorie Brauchts-nicht-unbedingt.

Na ja, ein Freund und Teamkollege hat mich dann um zehn Uhr Abends in die Notaufnahme gefahren. Die eine Pflegerin sagte während des Diagnose-Fragespiels ständig zur Ärztin: „ich tippe auf die Niere, das ist ganz bestimmt die Niere, das muss die Niere sein…“ bis ich dann ganz entnervt und mit schmerzverzerrtem Gesicht sagte „Willst Du Schlampe jetzt Wetten abschliessen oder was?“

Gut, das habe ich nicht gesagt. Wollte ja nicht, dass die mir via Infusion anstelle Schmerzmittel Arsen reinlassen oder so (eben diese Schwester hatte mich vorher vergebens gestochen und die Vene um ein paar Meter verfehlt. Wobei ich Venen habe, die ein Blinder während des Landanfluges durch eine Aschewolke finden würde). Die Schmerzmittel haben mich geflasht. Also, so richig geflasht, verstehen Sie. Man soll sich ja an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Selbst in so ungemütlichen Situationen.

Nach ellenlangen Wartereien, einer netten Röntgerin und einer hübschen, jedoch völlig schlecht gelaunten Ultraschallerin war die Diagnose klar: Rippe futsch, Milz nicht gerissen. Eben, du blöde Pflegeschwester, an dieser Stelle ist gar nicht die Niere. Nicht einmal bei mir. Wette verloren. Man soll niemals eine Wette eingehen mit jemandem, der Argentinien als Sieger der WM voraussagt.

Heisst es eigentlich Röntgerin? Wäre ja lustig, wenn eine Person nach einer Person benannt würde, in diesem Fall nach Wilhelm Conrad Röntgen, der die Rippenbrüche – oder zumindest die Röntgenstrahlen erfunden hat. Ha ha. Hätte ich diese Strahlen erfunden oder zumindest entdeckt, so wäre das dann wohl eine Rizzitellerin. Klingt ganz schön scheisse. Ist aber egal. Wäre dann verewigt.

Die diensthabende Ärztin – Achtung: jetzt können wir was lernen – erklärte mir dann eingehend, dass die vielen verschriebenen Schmerzmittel eingenommen werden müssen. Denn: Hat man Schmerzen beim Atmen, so atmet man oberflächlich. Und atmet man oberflächlich, dann läuft man Gefahr, eine Lungenentzündung zu kriegen. Super. Hätte bis anhin nicht im Traum einen Zusammenhang zwischen Rippenbruch und Lungenentzündung geknüpft. Synapse. Na ja, vielleicht haben die sich mit mir auch nur einen Spass erlaubt. Kann passieren auf der Nachtschicht, gell.

Jedenfalls kann ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, eingehend von einem Rippenbruch abraten. Es lohnt sich ganz einfach nicht. Verstauchen Sie sich lieber den Fuss, gerade wenn Sie Fussball spielen. Das klingt einfach sportlicher. Ist auch weniger schmerzhaft. Und: Nach einer Verstauchung steht auch nicht eine Einzellerin neben Ihnen und behauptet, es sei die Niere.

Summa summarum

14. November 2009

Hören wir doch auf mit diesem Theater um Bhopal. Inzwischen ist das fünfundzwanzig Jahre her, da ist längst Gras drüber gewachsen. – Also, natürlich nicht am Ort des Zwischenfalls, der ist ja kontaminiert. Aber wir sollten die Sache ruhen lassen. Sicherlich hat man Fehler gemacht. Und wir lernen daraus. Es gilt, bei dieser Diskussion die Emotionen etwas auszublenden und sachlicher zu werden, erwachsener. Schlussendlich ist ja eine Entschädigung bezahlt worden, an die Regierung, angeblich 470 Millionen Dollar. Zu wenig? Mitnichten. Man muss doch auch vor Augen halten, was man mit einem Dollar dort kaufen kann. Dreckbillig. Der Liter Schnaps kostet dort ungefähr … – na ja, wen interessierts. Aber das Ganze ist schon nicht schön, zugegeben. Wobei, im Endeffekt wären viele der Opfer ja sowieso gestorben: Hätte diese Dings da, diese Union Carbide Corporation dort keine Arbeitsplätze geschaffen, so wären die meisten doch verhungert. Oder hätten keine Familie gegründet, aus finanzieller Not. Wenn wir das aufrechnen, mit den Kindern, denen dieses Unternehmen also indirekt zum Leben verholfen hat, dann kriegen wir ein ganz anderes Bild. Unter dem Strich hat die Firma Menschenleben gerettet. Objektiv gesehen. Und die Region wäre auch niemals so bekannt geworden, international, ohne diese Geschichte. Sie müssen halt alle Faktoren in die Überlegungen mit einbeziehen. Also, hören wir doch auf mit diesem Theater.