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Oh, weh!

24. Dezember 2013

Reden wir über Silvester. Sie glauben gar nicht, wie es nach Mitternacht in der Notaufnahme eines Spitals zu und her geht. Da sind Betrunkene und Verletzte. Und betrunkene Verletzte. Sie halten den Laden so richtig auf Trab. Nahezu hundert Prozent sind gemäss Bundesamt für Statistik aus ein und demselben Grund da: Sie haben sich beim Entkorken der Champagnerflasche wehgetan.

Tatsächlich entkorkt die halbe Schweiz exakt zum gleichen Zeitpunkt irgend eine Flasche, obwohl die Wenigsten auch nur den Schimmer einer Ahnung davon haben, wie das ohne Gefahr für Gäste, Mobiliar und Haustiere geht (Sie lachen vielleicht, aber die Suizidrate von Hauskatzen steigt vor Silvester dramatisch an). Natürlich leisten wir hier Aufklärung, im Zeichen der Prävention.

Als erstes sollten Sie die Flasche prüfen. Nicht wenige Gastgeber ersetzen die Etikette eines billigen Fusels (Jargon: Nuttendiesel) mit jener eines hochwertigen Champagners mit der Folge, dass sich diese im dümmsten Moment ablöst und dem an sich fachmännisch agierenden Öffner aus der Hand gleitet. Dabei verletzen sich die Wenigsten an den Glasscherben, sondern eher beim Versuch, an eine neue Flasche zu gelangen, bevor die Kirchenuhr zwölf Mal geschlagen hat.

Menschen, die das Gefäss nicht fallen lassen, unterschätzen oftmals die Wucht es austretenden Korkens. Entgegen vieler Meinungen entsteht das ploppende Geräusch nicht beim Austritt aus dem Flaschenhals sondern beim Durchbrechen der Schallmauer. Die Zielgenauigkeit darf nicht unterschätzt werden. Besonders schlaue Zeitgenossen pflegen es, eine gewisse Drolligkeit zu simulieren um präventiv den Abschuss unliebsamer Personen zu entschuldigen. Schwiegermütter werden auf Silvesterpartys immer häufiger mit Integralhelmen gesichtet.

Nebst Lampen und Deckenverkleidungen werden von den Versicherungen als teuerste Schäden Zahnprothesen genannt. Die Bezeichnung «Kronkorken» kommt nicht von ungefähr. Aber auch Fensterscheiben, Vasen und Jochbeine gehen gerne zu Bruch.

Als wären die Schmerzen einer Verletzung nicht schlimm genug, leiden die Opfer auch darunter, dass sie ihr Partner auf die Notaufnahme bringen muss und den besten Teil der Party verpasst, obwohl er sich bereits ein Jahr lang darüber gefreut hatte. Der in der Notaufnahme am Häufigsten gehörte Satz ist denn nicht «Schatz, tut es noch fest weh?» sondern «Es ist aus, du Vollidiot».

In diesem Sinne: Fröhliches neues Jahr – und gut Schuss!

Jack the Rib

2. Mai 2010

Rippe gebrochen. Dumm gelaufen, wirklich. Beim Fussball. Noch schlimmer: Beim Hallenfussball. Gut, einerseits klingt Hallenfussball ziemlich schwul und irgendwie nach Warmduscher- oder Synchronschwimmer-Kickerei. Anderseits sollte sich jedes Geschöpf, das auch nur einen Hauch von Fussball versteht, wenigstens im Spiel etwas zerren oder das Bein/den Fuss brechen. Aber doch nicht die Rippe. Das ist ja lächerlich. Als ob sich ein Wrestler zum Arzt begäbe aufgrund eines eingewachsenen Zehennagels.

Gott nahm doch von Adam eine Rippe und erschuf daraus Eva, oder? Umgekehrt? Weiss nicht. Also, sollte das so gewesen sein, ohne hier allzu blasphemisch zu werden, dann war das sehr, sehr schmerzhaft. Wer so blöd ist, sich im Zweikampf so gegen die Hallenwand abdrängen zu lassen und dann noch die Dreistigkeit hat, ganz ungeschickt gegen ein herausstehendes Metallstück irgendeiner Turnvorrichtung zu fallen, braucht sich wohl nicht beschweren. Hat bestimmt super-sportlich ausgesehen. Aber ist eines der Erlebnisse der Kategorie Brauchts-nicht-unbedingt.

Na ja, ein Freund und Teamkollege hat mich dann um zehn Uhr Abends in die Notaufnahme gefahren. Die eine Pflegerin sagte während des Diagnose-Fragespiels ständig zur Ärztin: „ich tippe auf die Niere, das ist ganz bestimmt die Niere, das muss die Niere sein…“ bis ich dann ganz entnervt und mit schmerzverzerrtem Gesicht sagte „Willst Du Schlampe jetzt Wetten abschliessen oder was?“

Gut, das habe ich nicht gesagt. Wollte ja nicht, dass die mir via Infusion anstelle Schmerzmittel Arsen reinlassen oder so (eben diese Schwester hatte mich vorher vergebens gestochen und die Vene um ein paar Meter verfehlt. Wobei ich Venen habe, die ein Blinder während des Landanfluges durch eine Aschewolke finden würde). Die Schmerzmittel haben mich geflasht. Also, so richig geflasht, verstehen Sie. Man soll sich ja an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Selbst in so ungemütlichen Situationen.

Nach ellenlangen Wartereien, einer netten Röntgerin und einer hübschen, jedoch völlig schlecht gelaunten Ultraschallerin war die Diagnose klar: Rippe futsch, Milz nicht gerissen. Eben, du blöde Pflegeschwester, an dieser Stelle ist gar nicht die Niere. Nicht einmal bei mir. Wette verloren. Man soll niemals eine Wette eingehen mit jemandem, der Argentinien als Sieger der WM voraussagt.

Heisst es eigentlich Röntgerin? Wäre ja lustig, wenn eine Person nach einer Person benannt würde, in diesem Fall nach Wilhelm Conrad Röntgen, der die Rippenbrüche – oder zumindest die Röntgenstrahlen erfunden hat. Ha ha. Hätte ich diese Strahlen erfunden oder zumindest entdeckt, so wäre das dann wohl eine Rizzitellerin. Klingt ganz schön scheisse. Ist aber egal. Wäre dann verewigt.

Die diensthabende Ärztin – Achtung: jetzt können wir was lernen – erklärte mir dann eingehend, dass die vielen verschriebenen Schmerzmittel eingenommen werden müssen. Denn: Hat man Schmerzen beim Atmen, so atmet man oberflächlich. Und atmet man oberflächlich, dann läuft man Gefahr, eine Lungenentzündung zu kriegen. Super. Hätte bis anhin nicht im Traum einen Zusammenhang zwischen Rippenbruch und Lungenentzündung geknüpft. Synapse. Na ja, vielleicht haben die sich mit mir auch nur einen Spass erlaubt. Kann passieren auf der Nachtschicht, gell.

Jedenfalls kann ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, eingehend von einem Rippenbruch abraten. Es lohnt sich ganz einfach nicht. Verstauchen Sie sich lieber den Fuss, gerade wenn Sie Fussball spielen. Das klingt einfach sportlicher. Ist auch weniger schmerzhaft. Und: Nach einer Verstauchung steht auch nicht eine Einzellerin neben Ihnen und behauptet, es sei die Niere.

Spitalgeschichten #3

19. Februar 2010

Ja, Operationen vermitteln eben schon spezielle Eindrücke. Erfrischend. Wenn Sie so zum Saal gefahren werden, wehrlos, im Delirium, und nur die Decke anstarren. Warum wird die Decke zum OP-Saal nicht als Werbefläche vermietet? Wäre beeindruckend, zweifelsohne. Nachhaltig. Egal.

Und da hab ichs gesehen, im Vorraum zum Operationssaal. Sie müssen sich vorstellen, Sie liegen auf dem fahrbaren OP-Bett, welches speziell unbequem ist. Es ist sozusagen der Recarositz unter den Betten. Neben Ihnen stehen die Leute, die eben das machen, was sie machen müssen. Einer schnallt Sie an. Andere machen anderes. Und zwei junge Frauen waren dann eben diese Anästhesistinnen (später riefen die dann noch ihren Chef, weil zwei Leute offenbar nicht ausreichen, um einen zu narkotisieren). Die sahen richtig gut aus. Auch ohne Kontaktlinsen.

Jedenfalls gibt das so ganz ungewohnte Perspektiven, wenn Sie so da liegen und Leute um Sie herumstehen. Da hab ichs gesehen, allerdings ohne speziell darauf zu achten: Die hatten keine Haare in der Nase, alle beide nicht. Kein einziges, klitzekleines. Blitz blank. Das sah richtig gepflegt aus. Imposant.

Es muss irgend ein Anästhesie-Kodex geben, ein Nacktnasenloch-Gesetz oder so. Dies ist sicherlich die erste Lektion an der Anästhesisten-Schule: Nase blank, jeder sieht rein! Und bei der Diplom-Übergabe kriegen dann alle so einen goldenen Nasenhaar-Trimmer. Mit Gravur. Ja, so muss es sein. Versuchen Sie’s bei Ihrem nächsten Besuch bei der Kosmetikerin – anstelle von „Brazilian“ oder „Hollywood“ – mal mit „ein Mal Anästhesisten-Style, bitte!“ Blitz blank! Richtig gepflegt.

Der geschulte Leser mag sich jetzt fragen „was soll das, warum schreibt der über Nasenhaare von Anästhesistinnen?“ und „wie will der damit die Welt retten. Dieser Blog wird doch die Welt retten, oder?“ Um es vorneweg zu nehmen: Ja, der Blog wird die Welt retten. Was sicherlich einiger Menschenkenntnis bedarf. Genau darum geht es.

Womit das obige Rätsel wohl gelöst wäre. Wissen ist Macht. Sollten Sie beispielsweise an einer Party (oder noch schlimmer: An einer Hochzeit) einer Person begegnen und – der hohen Kunst des Small Talk mächtig – sie nach ihrem Beruf fragen, dann wissen Sie nun, was zu tun ist, wenn die Person mit Anästhesist antwortet. Lügt er/sie oder lügt er/sie nicht?

Ich habe mich einmal in progressiv-weise praktiziertem Small Talk geübt und eine Pathologin gefragt, was denn ihre Lieblings-Todesursache sei. Die fand das nicht lustig, erstaunlicherweise.

Dieser Tipp mit den Nasenhaaren, da mögen Sie durchaus recht haben, ist in der Praxis schwierig umsetzbar. Gerade bei eher gross gewachsenen Menschen fällt es nun mal auf, wenn sie sich unter irgendeinem Vorwand bücken und ihrem Gesprächspartner in die Nasenlöcher schauen. Wobei angesichts der Wichtigkeit – wir sind uns hoffentlich alle einig, dass die Rettung der Welt wichtig ist – durchaus an die Kreativität der Partyteilnehmerinnen und -Teilnehmer appelliert werden darf, wie ich finde.

Und wenn das schief läuft, die Lage eskaliert und der Partner/die Partnerin des Gefragten ein ausgewiesener Karatekämpfer mit Aggressionsstau ist oder so und Sie so richtig nach Schulbuch vermöbelt, dann denken Sie an meine einleitenden Worte: Operationen vermitteln immer spezielle Eindrücke.

Spitalgeschichten #2

18. Februar 2010

Na ja, nur nicht sentimental werden. Im Spital ist man so ein bisschen, wie soll ich sagen, im Ausnahmezustand. Also, im Kantonsspital Aarau, in der Tagesklinik, da hat jeder Patient ein eigenes, kleines TV-Gerät. Zur Ablenkung.

Kurz vor der OP – man hatte mir schon ein Dormicum gegeben – lag ich also im Bett und schaute MTV. Dormicum ist eine gute Erfindung: Man döst so herrlich entspannt weg, ist aber noch halbwegs bei Bewusstsein, auf dem Grat zwischen Hier und Dort, denn die Vollnarkose kommt erst später (cleverer Bursche, dieser Dormicum-Erfinder, Gratulation! War sicher keine Schlaftablette). Ich hatte zwar die Kontaktlinsen nicht mehr auf, sah also alles verschwommen, doch MTV, das kann man irgendwie immer gucken. MTV, das ist so husch-und-weg-Fernsehen, so fantastisch seicht und irgendwie geboren, um zu unterhalten. Anspruchslos. Gut, und da kam also dieses Video. Ist nicht mehr ganz neu, ich weiss. Aber es ist einfach super schön. Berührte mich. Ich war wie in Trance. Ist ja auch irgendwie schön, wenn man sich ob solch kleiner Dinge freuen kann.

Gut, wir wollen ja nicht in Euphorie verfallen. Hallo Planet Erde. Solche Dinge sind ja immer sehr subjektiv. Und kurz vor Ende solch schöner Videos sollte man den TV abschalten. – Denn nach dem Video kommt das nächste. Wie im Leben. Und irgendwie möchte man ja noch die Bilder und die Melodie des so schönen Videos in Erinnerung haben. Ein guter Ratschlag, wie ich finde.

Sie finden diesen Tipp blöd? Ist natürlich Einstellungssache. Doch in dieser Situation, vor der OP, kurz vor der Vollnarkose, hätte ich diese Regel besser eingehalten: Nach diesem Video kam nämlich das neue von Tokio Hotel.

Spitalgeschichten #1

16. Februar 2010

War eben im Spital. Hasse Spital. Wobei das wieder so ein Instantsatz ist, eine Konserve, die Sie überall bringen können. Auch im gepflegten Small Talk: „Ahh, Sie mögen auch nicht zum Zahnarzt gehen, so wie ich, das ist ja guuuut,“ und so ähnlich dämlich. Probieren Sie das mal aus. Small Talk ist die hohe Kunst, seicht zu bleiben.

Aber hier gehts ums Spital. Kommt mir doch immer ein Kollege in den Sinn, bei diesem Wort. Die waren ganz jung, etwa zu fünft in einem Golf I unterwegs durch Frankreich. Bis nach ein paar Stunden der Fahrer erstaunt sagte: „Hey, hier gibts extrem viele Ortschaften, die Hôpital heissen.“ Warum ich das mit dem Golf I erwähnt habe, ich weiss es nicht.

Ach, wache ich also im Spitalbett auf, im Kantonsspital Aarau, morgens um drei Uhr. Und denke Scheisse, Rizzitelli, Scheisse, wo bist Du denn hier gelandet. Nachts in der Tagesklinik, Mann o Mann, jetzt biste dran. Und diese Station heisst tatsächlich Tagesklinik, muss man wissen. Da gibt es auch Nachtschwestern, die man herklingeln kann.

Also, wenn Sie Nachtschwester sind in einer Tagesklinik, das ist schon ein schweres Los. Da gucken Sie doch alle blöd an, wenn Sie sich von der Party früher verabschieden. Habe noch Nachtschicht in der Tagesklinik, ha ha, der Brüller aber auch.

Aber die waren alle ganz nett, die Nachtschwestern. Offenbar mögen die gar keine Partys. Wobei diese Berufsbezeichnung ja auch sexistisch ist. Habe noch nie einen Nachtbruder gesehen. Dabei soll es auch bleiben.

Jedenfalls bin ich schon froh – trotz netten Schwestern – wieder zu Hause zu sein. Denn wissen Sie: Ich hasse Spital.