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Heute: Die Unsitte

23. Mai 2010

Überall sind die, diese Unmenschen, diese Abartigen. Diese Ausgeburten der egoistischen Konsumindustrie. Überall in der Stadt. Sie tragen Kopfhörer, kleine In-Ears oder grosse, klobige Sonstwas-DJ-Kopfhörer. Sind isoliert, vollkommen, sowohl die Kopfhörer als auch die Passanten. Headphone-Zombies. Sie hören irgendwas und verpassen alles. Musikwelt. Manche hören dann herannahende Gefahren nicht und werden von der Strassenbahn überfahren.

Lustig, wenn man sich über so etwas aufregen kann (also, nicht übers Überfahren-werden, sondern über die Kopfhörerträger). Viele Leute denken so wie oben beschrieben, sprechen von einer Unsitte. Ich zeige mit dem Finger. Ein interessantes Wort: Unsitte. Etwas, was sich nicht gehört, mit einer Portion Mangel an Respekt. Lustig, was?

Im Grunde war alles einmal eine Unsitte. Nach der Erfindung des Kinderwagens war es sicherlich verpönt, sein Kind nicht zu tragen sondern faul zu schieben.  Tuschelei. Es galt einmal als Unsitte, ein Mobiltelefon zu benutzen, wenn Unbeteiligte das Gespräch mithören können. Oder, wenn Frauen Hosen trugen, und zwar nicht jene ihres Gemahls zur Waschmaschine. Unsitte. Sich auf einen Stuhl setzen, mit Besteck essen, eine Armbanduhr tragen: Alles Unsitte, früher. Das hat so etwas Wertendes, Anmassendes.

Dabei geht gut und gerne vergessen: Als die ersten Affenmenschen damit begannen, aufrecht zu gehen, tuschelten die anderen mit Sicherheit. Das geht doch nicht, seht euch den dort drüben an, der steht auf zwei Beinen, ha ha. Warum in aller Welt soll man auf nur zwei Beinen stehen. Uga uga, guckt euch den an, der hat es wohl nicht nötig, auf allen Vieren zu gehen.

So muss es gewesen sein. Was will man dazu noch sagen. Lasst doch die Musikfreunde mit ihren Kopfhörern Musikfreunde mit ihren Kopfhörern sein. Ist doch egal. Uga uga.