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So oder so

6. Februar 2014

Weitsicht ist gefragt, bei den eidgenössischen Abstimmungen im Februar. Wer zum Beispiel vorhat, demnächst zum Pflegefall zu werden, der sollte die sogenannte Einwanderungsinitiative ablehnen, weil viele Ausländer in Pflegeberufen tätig sind. Vielleicht würde es nach einem Ja auch weniger Pflegefälle geben. Denn nur wer gepflegt wird, ist ein Pflegefall. Alle anderen sind einfach Fälle.

Sie sehen: Die Sachlage ist komplex. Genauso ist es mit den Menschen, die im Gastgewerbe arbeiten. Sie sind auch komplex. Auf das vielbeklagte Beizensterben könnte das Kellnersterben folgen. Gemäss Prognosen bei der Rauchverbots-Initiative vor ein paar Jahren sollte es heute sowieso keine Bars und Restaurants mehr geben, Migration hin oder her. Item.

Andere Länder haben massiv weniger Probleme mit der Migration. Zum Beispiel Senegal. Oder Frankreich. In Frankreich gibt es die Fremdenlegion. Treten sie dort ein, kriegen Sie die französische Staatsbürgerschaft, blitzkriegartig, migratis. Natürlich hinkt dieser Vergleich so stark wie ein Veteran, denn die wenigsten möchten der Fremdenlegion beitreten und fast gar niemand möchte Franzose werden (schon nur wegen dieser eigenwilligen Sprache nicht).

Fest steht: Die verschiedenen Abstimmungen sind nicht aufeinander abgestimmt. Gleichzeitig zur Einwanderungsinitiative hätte man doch eine Initiative für den Bau einer neuen Stadt lancieren müssen, in der eine Million Menschen leben können. Oder eine Milliarde. Im Kanton Jura ist doch genügend Platz vorhanden. Aber nein, da sprechen die Leute ja auch französisch. Die Idee ist also nicht ganz zu Ende gedacht. Wie Eingangs gesagt: Weitsicht ist gefragt.

Jein

4. Februar 2014

Da wird mit Zahlen jongliert, dass es Herrn und Frau Schweizer ganz schwindlig wird ums Abstimmherz: Bern weiss offenbar immer noch nicht genau, wie viele Menschen 2013 in die Schweiz migriert haben. Luzern übrigens auch nicht. Manche politischen Parteien zählen die Grenzgänger mit dazu, manche die Familiennachzüge, manche die Welschen. Zwischen acht Tausend und acht Millionen wurde schon nahezu jede Zahl genannt, von beiden Seiten. Was wir wissen: Wir wissen es nicht.

Es kursieren je nach Meinungsmache auch ganz unterschiedliche Namen für die Initiative: Einwanderungs-, Abschottungs-, Abgrenzungs- und Übervölkerungsinitiative buhlen um die Gunst der Stimmbürger. Jeder Wortakrobat darf einen neuen Begriff erfinden bei diesem politischen «Scrabble». Die Debatte um das sprichwörtliche volle Boot bringt das Fass zum überlaufen. Am Schweizer Ufer des Bodensees wird ein zweites Lampedusa befürchtet.

Zuweilen hat die eine Partei ganz dreist das Plakatdesign der anderen kopiert, aus Ironie, worauf die andere Partei nicht minder schlau die Kopie nochmals kopiert hat, aus Zynismus. Das gehört offenbar zur Politik. Da wird mit harten Bandagen gekämpft, mit Migranten aufeinander eingeschlagen, sozusagen. Auf der Strecke bleibt der Stimmbürger, der die offiziellen Abstimmungs-Unterlagen durchlesen muss, um sich zu informieren. Schwarz auf Weiss. Eine Zumutung.

Die einen argumentieren, die S-Bahn sei wegen der Migranten überfüllt, die anderen entgegnen, das sei nur wegen der vielen Bahnfahrer. Eine Partei spricht von überteuerten Wohnungen, die anderen von einer Blase. Ein paar Ökonomen sogar von Blasenschwäche. Manche Schweizer sind so begeistert über die Einwanderung, dass sie am liebsten nochmals einwandern würden. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Würden mehr Wohnungen leer stehen, dann wären die S-Bahnen nicht überfüllt.

Darum ein Appell: Am 9. Februar unbedingt an die Urne migrieren! – Wobei: Das Abstimmlokal ist sicher total überfüllt. Oder abgeschottet.

Schatz, die Töpfe!

3. Dezember 2013

Bald, bald flimmert sie in unsere warmen Stuben: Die Übertragung der Gruppenauslosung für die WM 2014. Einfach toll. Die Auslosung wird in den Medien ja angekündigt, als wäre sie weit spannender und bedeutender als die Spiele selbst. Ja, hier geht’s um Fussball, meine Damen, tatsächlich. Mehr noch: Der Autor dieses Beitrages weiss bereits heute, welche Teams in die Gruppe der Schweizer Nationalmannschaft gelost werden. Genau. Da staunen Sie aber. Voilà.

Während sich Journalisten im Gastland Brasilien die Köpfe einschlagen aufgrund der Frage, wie dunkel-, hell-, gelb- oder Rothäutig Moderatorinnen und Moderatoren an diesem unglaublich wichtigen Anlass des kultivierten Papierzettel-aus-einem-Töpfchen-Ziehens sein dürfen, schlägt sich unsereins schlaflose Nächte um die Ohren mit möglichen Angstgegner, Traumgegnern und Albtraumgegnern.

Eines vorneweg: Deutschland wird nicht in die Gruppe der Schweiz gelost. Denn Deutschland (das ja Weltmeister 2014 wird – aber darüber ein andermal) ist im gleichen Topf wie die Helvetier. Ein Schelm, wer hier lapidar anmerken möchte, das müssten die Damen ja wissen: Töpfe. Also weiter geht’s: Topf 1 ist offenbar mit den stärksten Teilnehmern gefüllt. Und fragen Sie mich jetzt bitte nicht, warum die Schweiz in diesem Topf ist. Es gibt drei weitere Töpfe. Diese sind ohne Bedeutung.

Dass Sie die Auslosung hier vorzeitig erfahren, hat nichts mit Zauberei oder der unantastbaren Integrität von FIFA-Präsident Josef Blatter zu tun, sondern hauptsächlich mit Fachwissen, feinem Gespür und einer guten Portion Selbstüberschätzung. Blatter wird übrigens trotz seiner mittlerweile 102 Jahren erwartungsgemäss für die nächste Amtsperiode kandidieren. Nur so als Einwurf.

Zurück zur schweizer Gruppe und dem vermeintlichen Geheimnis der Zusammensetzung. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Schweiz wird mit Algerien, Mexiko und Kolumbien in der gleichen Gruppe sein. So, jetzt ist es publik. – Tataaaa! Und kommen Sie mir nach dem 6. Dezember dann nicht damit, es sei hier auf diesem unfehlbaren Blog nicht mit rechten Dingen zu und her gegangen. So nicht! Die Folge wäre unweigerlich, dass hier nie mehr Informationen aus der Zukunft preisgegeben würden. Und das wollen wir ja nicht. – Ach nein, warten Sie. Kolumbien ist ebenfalls in Topf 1.

no comment

21. Juli 2013

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23. Juni 2013, Verkehrshaus der Schweiz, Luzern

El jugo

1. Juli 2013

Jugo heisst Saft. Auf Spanisch. Albaner sind weder Jugos noch Saftsäcke, sondern hauptamtlich Opfer einer Fehlinterpretation dieses – übrigens eher unhöflichen – Begriffs, der jene Bewohner bezeichnen soll, die dem früheren Jugoslawien angehört haben. Der Geografielehrer unseres Vertrauens wird uns bestätigen, dass Albanien niemals ein Teil von Jugoslawien war. Mit an Sicherheit angrenzender Wahrscheinlichkeit wird dies auch in naher Zukunft nicht so sein.

Der Volksmund irrt. Er bezeichnet gemeinhin alle Menschen als Jugos, die eine slawisch klingende Sprache sprechen, also auch Russen, Ukrainer, Bündner – und eben: Albaner. Pauschal. Dies geschieht entweder aus Unkenntnis oder aus Gleichgültigkeit. Oder aus beidem. Das ist natürlich ein idealer Nährboden für Missverständnisse. Beispiele gibt es reichlich.

Wenn ein Schweizer einen Albaner als «dummen Jugo» beschimpft, so dürfte diesen das nicht die Bohne kümmern, aus oben erklärtem Grund. Umgekehrt ist das natürlich anders – sofern der Schweizer ein eingebürgerter Ex-Jugoslawe ist. Wobei «Ex-Jugoslawe» ja irgendwie auch nicht zeitgemäss ist, sofern beispielsweise ein Kroate erst nach der Auflösung von Jugoslawien geboren wurde. Als ob man jeden Ukrainer «Ex-Sowjet» nennen würde.

Mit «Scheiss-Schweizer» ist man übrigens fast immer auf der sicheren Seite. Auch stilistisch. Und das Anti-Rassismus-Gesetz gibt da ebenfalls grünes Licht, weil Schweizer in der Schweiz keine Minderheit sind (bis zum Redaktionsschluss zumindest). Doch am liebsten haben es die meisten Volksgruppen für gewöhnlich, wenn man sie nicht beschimpft. – Und wenn es dann und wann trotzdem sein muss, jemandem ein Schimpfwort zuzurufen, dann einen richtig heftigen Fluch, sicher nicht «Saft».

Jein

12. Juni 2013

Höchste Zeit für ein bisschen Fremdenfeindlichkeit. Schliesslich stimmen die Abstimmbürgerinnen und Abstimmbürger (kurz: Idioten) bald über die Änderung des Asylgesetzes ab. Das ist dringend. Inzwischen bricht nämlich der arabische Sommer an, und im Herbst fallen die ersten faulen Äpfel von den Bäumen. Nach diesem wunderschönen Einstieg – der absolut keinen Sinn macht – schnurstracks zum Thema: Was sollen Herr und Frau Eidgenosse in die Urne werfen? Keine einfache Frage, denn es sind eine Reihe von Halb-, Falsch- und Ganzinformationen im Umlauf.

Hand in Hand mit der Abstimmung geht natürlich die Frage, wie sich der pflichtbewusste Bürger denn fundiert informieren soll. Viele verlassen sich auf die einseitigen Berichte dieser (mehrseitigen) Gratiszeitungen, nicht wenige finden selbst dafür keine Zeit und fast niemand glaubt diesbezüglich jemandem, der nicht er selbst ist. Jeder zweite Tag werden Berichte publiziert über kriminelle Tunesier und Algerier, hauptsächlich in den Zweitageszeitungen. Bis heute ist kein einziger – nicht einmal ein klitzekleiner – Artikel erschienen über kriminelle Schweizer in Tunesien. Oder über algerische Gefängnisse, die mit Schweizer Schelmen überfüllt sind.

Nein, es ist ständig von Scheininvaliden, Scheinehen, Scheinasylanten und Kriminaltouristen die Rede, von Wirtschaftsflüchtlingen, die Schein-Asylanträge stellen, von echten Flüchtlingen, die gefälschte Papiere auf sich tragen, von gefälschten Flüchtlingen … – äh, genau, der bekennende Laie findet sich in diesem Wirrwarr gar nicht mehr zurecht. Das ist unrecht: Am meisten leiden die Scheinkriminellen darunter. Ach ja, dies ist übrigens ein Scheintext, aus juristischen Gründen.

Zu recht appellieren viele Kreise – zuweilen auch Agronomen (Fachjargon: Kornkreise) – für eine differenziertere Berichterstattung in den Medien. Die meisten Menschenrechts-Organisationen zum Beispiel dementieren, dass alle Tunesier in der Migros Diebstähle begehen. Und sie haben recht. In Tunesien gibt es keine Migros. Amnesty International ist so unglaublich international, dass man am liebsten alle Pässe der Welt einsammeln und willkürlich wieder verteilen würde. Man stelle sich das vor. Auf einen Schlag sind Sie Chinese. Und der Brenner steht am Gotthard.

Jedenfalls lohnt es sich, vor der Abstimmung genauer hinzuschauen und nicht einfach eine subjektive Entscheidung zu treffen, nur weil man zum Beispiel in den letzen zwei Monaten drei Mal von einem Asylbewerber überfallen worden ist. Es gibt nämlich sehr, sehr viele Einwohner in diesem Land, denen das nicht passiert ist. Am weitaus schlimmsten dürfte uns die Ironie wohl treffen, wenn wir nach der Abstimmung auf dem Weg nach Hause überfallen und ausgeraubt werden. – Von einem Schweizer. Also, von einem eingebürgerten natürlich.

Frau Holle ist Österreicherin!

6. Februar 2013

Endlich haben wir den Beweis: Die Gravitation ist rassistisch. – Ja, sobald ein Schweizer Skiheld dieses dämliche Starthäuschen verlässt, schwindet die Erdanziehungskraft und der Athlet könnte ebenso gut mit dem Sessellift talwärts fahren, in der Mittelstation ein Kafi Schnaps trinken und wäre immer noch ein paar Sekunden früher im Ziel.

Das einzig Grosse ist im Moment die Ratlosigkeit. Liegt es am Material? Der Skiverband soll in einem Akt der Verzweiflung sogar mit der ehemaligen Miss Schweiz Bianca Sissing Kontakt aufgenommen haben. Ihre erste Aussage nach der Wahl war bekanntlich «Ich bin in Kanada aufgewachst». Ja, in Krisenzeiten darf man nichts unversucht lassen. Der letzte Strohhalm.

Die Österreicher haben es schon besser. – Nein, nicht weil dort Österreicherinnen Miss Österreich werden, sondern weil die Menschen dort einfach Skifahren können. Die werden so geboren. Kein Wunder, die Österreicher haben ja auch die Alpen vor der Haustüre!

So müssen sie halt weiter trainieren, die helvetischen Skihelden. Übung macht den Meister. – Ach was, im Grunde ist es ja egal. Ist ja nur ein Rennen. Sport halt. Und wir gehen dieses Jahr sowieso nach Österreich in die Skiferien. Es ist einfach billiger und der Service ist besser. Und: Die fahren auch besser Ski dort.

D-Day Switzerland

23. September 2012

Ist eine Nation reich an Rohstoffen, so kann eigentlich nicht viel schief gehen. Im Falle eines Krieges wird sie besetzt (Jargon: befreit) und die unfehlbare, wohlbringende Demokratie wird eingeführt.

Hat hingegen ein Land das Pech, keine wichtigen Rohstoffe zu besitzen, so können sich die Einwohner die Köpfe einschlagen so lange sie wollen. Befreit wird da gar nichts, höchstens die Gelder des Regimes. Selber schuld. Mit gezielten Hilfslieferungen in Form von Waffen kann der Region bestenfalls geholfen werden, früher oder später erfolgreich die Demokratie einzuführen.

Das beste Beispiel ist da wohl die Schweiz. Getarnt mit einer geschickt inszenierten Scheindemokratie herrscht seit Jahren ein Bürgerkrieg der Deutschschweizer gegen die Romands. Der Hass sitzt so tief, dass sich die Romands sogar eine andere Muttersprache zugelegt haben, um sich abzugrenzen. Doch wird die Schweiz etwa erobert? Wird sie mit wahrer Demokratie beschenkt? – Pustekuchen! Gut, vielleicht schreckt die beste Armee der Welt ja potentielle Aggressoren ab. Die hat ja jetzt neue Militärvelos.

Zählt man allerdings Wasser zu den wichtigen Rohstoffen, so sieht das Beispiel Helvetia natürlich vollkommen anders aus. Wasser ist genug da, in Unmengen. – So viel, dass sogar die hiesigen Politiker Wasser predigen. Und die Bundesverwaltung in Bern, unser grösster Stolz, ist ein riesiger Wasserkopf. Wasser, so weit das Auge reicht. Bei Luzern musste man sogar einen See erstellen, in die harten Felsen der Alpen, um das viele Wasser zu verstauen.

Je nach Definition ist die Schweiz also sehr reich an Rohstoffen. Bleibt zu hoffen, dass die selbst ernannten Weltpolizisten des Universums dies endlich begreifen und uns befreien. Es ist höchste Zeit. Ansonsten spaltet der Röstigraben am Ende den ganzen Kontinent, die ganze Welt und … Moment mal: Bei tiefen Spalten besteht doch häufig die Chance auf Rohstoff-Funde, oder?

Nicht-Dabeisein ist alles

15. Juni 2012

Da hat die Schweiz ja wieder einmal Glück gehabt. Na ja, vor vier Jahren waren die Europameisterschaften ja in der Schweiz und in Österreich. Wäre die politisch motivierte Hausdurchsuchung bei Christoph Blocher vor vier Jahren gewesen … – die Folgen sind kaum auszudenken: Boykott, Komplott, Schafott. Und am Ende vielleicht ein Hungerstreik von Blocher. Oder ein Penalty.

Natürlich ist alles anders. Das Fussballereignis ist weit, weit weg und spätestens seit der Olympiade 1936 in Berlin wissen wir, dass man Politik und Sport nicht vermischen sollte. Oder darf. Bei den Weltmeisterschaften in Südafrika war das etwas anderes, denn dort ist Ungerechtigkeit eher rassistisch motiviert. Welcher Politiker will sich da schon auf die Äste wagen für ein bisschen Profilierung. Und überhaupt: Südafrika ist ja noch weiter weg von hier als die Ukraine.

Darum würden wir uns bei der Euro 2012 schon ein bisschen mehr Solidarität erhoffen. – Also, Solidarität mit den Organisatoren wohlgemerkt. Wobei: In vielen Ländern soll es ja nur deswegen keine Demonstrationen geben, weil die Teilnehmer den Namen «Tymoschenko» nicht richtig aussprechen können. Nein, Stottern beim Skandieren, das liegt einfach nicht drin.

Schauen wir also lieber weg. Der Ball ist rund, schliesslich. Und das Runde muss ins Eckige. Und der Rasen erstrahlt hellgrün im Flutlicht, selbst wenn die Gefängnisse dunkel sind. Und da die Schweizer Nationalmannschaft bekanntlich keine Lust hat, an der Euro in der Ukraine teilzunehmen, fällt das auch nicht sonderlich ins Gewicht, wenn hiesige Politiker nicht dorthin reisen. Nicht auszudenken, wie sich beispielsweise Micheline Calmy-Rey hätte profilieren können. Ja, es ist uns einiges erspart geblieben. Da hat die Schweiz ja wieder einmal Glück gehabt.

Einmal Vanille-Erdbeer, bitte!

8. Mai 2012

Die Zitronen waren sauer: So konnte das nicht weitergehen. Währenddem diese hochkomplizierten Pressen den Grossteil der ihrigen ganz normal entsaftete, drückten sie aus unerfindlichen Gründen bei den etwas grösseren Exemplaren so stark zu, dass diese fast austrockneten und sehr darunter litten. Das musste ein Planungsfehler sein, ja, irgendein Ingenieur musste sich verrechnet haben.

Wie in der Wirtschaftswelt üblich, kaufte das Management mit dem Erlös des Saftes Eiscreme. – Unmengen an Eiscreme. In verschiedenen Geschmacksrichtungen. Die Chefetage kaufte soviel Eiscreme, dass sogar die Mitarbeiter anderer Fabriken davon essen konnten. – Von anderen Fabriken, die entweder nicht so moderne Saftpressen hatten oder nicht so gute Zitronen. Oder beides. Jedenfalls wurde sehr, sehr viel Eiscreme gekauft. – Bis sich Herr Granini vom Controlling an der Geschäftsleitungssitzung meldete und sagte, man brauche entweder mehr Saft oder man könne nicht mehr soviel Eis kaufen.

Der Chef bekam einen hochroten Kopf – fast so rot wie seine Krawatte – und schloss die Finanzabteilung. Per sofort. Er wies seine Ingenieure an, die Pressen neu zu justieren, um noch mehr Saft zu gewinnen, und unter dem wohlklingenden Projektnamen «Jus durch Justierung» wurde das Verfahren verfeinert, sodass aus allen Früchten noch ein bisschen mehr Saft gewonnen werden konnte. Das war für die Zitronen nahezu unerträglich; Es brachte das Fass zum überlaufen. Doch selbst die Organisation für die Rechte der Zitrusfrüchte schaute Tatenlos zu.

Einigen besonders gebeutelten Zitronen wurde es schlussendlich zu bunt. Sie hatten von einer Fabrik gehört, wo schonender gepresst wurde, – ja, wo sich die Artgenossen sogar freiwillig in die Presse legten. Nicht wenige machten sich auf den Weg zu dieser anderen Fabrik, in der Hoffnung auf ein zitronlicheres Dasein. Sie liefen über. Na ja, warum sollten sie ihren Saft geben für die Mitarbeiter von anderen Fabriken?

Als die Fabrikleitung von der Flucht ihrer Rohstoffe erfuhr, wollte sie den Grund erfahren. Warum nur wollten sich die Abtrünnigen nicht in diese Presse begeben? Sollte man womöglich weniger pressen? Sollte man womöglich weniger Eiscreme kaufen? Oder weniger davon verschenken? Der Chef bekam wiederum einen hochroten Kopf. Er wollte die Finanzabteilung auflösen, doch deren Büros waren bereits leer.

Eine Lösung war schnell gefunden. Nach sehr, sehr guten Überlegungen beschloss die Geschäftsleitung, die Fabrik, wohin sich viele grosse Zitronen begeben hatten, auf Schadenersatz zu verklagen. So, das ist das Ende der Geschichte. Das nächste Mal sinnieren wir darüber, was wohl passiert, wenn wir nicht mehr so viel Eiscreme verschenken. Auf Wiedersehen!