Posts Tagged ‘Politik’

Soweit, so Wut

2. November 2016

Ja, was denn nun? Sind Wutbürger nun Menschen aus der Mittelschicht, die überdurchschnittlich gebildet, jedoch (gerade deswegen?) bis anhin nicht politisch aktiv waren? Oder sind Wutbürger eine vollkommen heterogene Gruppe, die bisher planlos herumirrte und sich nun organisiert? Die Experten streiten sich. Vermutlich sind diese Menschen aus der Arbeiterschicht, arbeiten Schicht und haben keinen Plan. Oder sie sind in einem Moment wütend, genauso wie sie in anderen Momenten froh, lustig oder deprimiert sind. Wir wissen es nicht.

Was wir wissen: Der Begriff Wutbürger ist negativ behaftet. Dies dank den gleichen Leuten, die sich über diejenigen Menschen ärgern, die ihren Hintern nicht vom Sofa hochkriegen und einfach nichts tun. Dabei muss man doch etwas tun, nicht? Es gibt so viele Missstände in diesem Land. Und – vielleicht haben Sie es gelesen – es gibt keine Misswahl mehr. Also werden wir aktiv! Dies ist ein Aufruf: Tun Sie etwas, endlich. Und sei es auch nur, wütend zu sein. Und streng zu gucken.

Wer wütend ist, der verbrennt aufgrund dieses Zustands vielmehr Kalorien als fröhliche Menschen. Das ist erwiesen, wenn nicht sogar erfunden. Schon nur deswegen lohnt es sich, etwas zu tun. Und es reicht eben nicht aus, zu Hause vor der Glotze zu sitzen mit den Füssen auf dem Salontischchen, nein, wir müssen raus auf die Strasse, müssen die ewigen Ignoranten davon überzeugen, dass es keinen Grund gibt, Glücklich zu sein. Der Glückliche ändert nichts. Den Mutigen gehört zwar die Welt, doch die Glücklichen … ach, wissen Sie was, das wird mir jetzt zu bunt, das alles hier.

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Tun Sie etwas!

26. Oktober 2015

Jetzt kann ich nicht mehr schweigen. Jetzt muss einfach etwas geschehen, es ist die moralische Pflicht von jedem Einzelnen. Wutbürger mutieren zu Empörungsbürgern, Politiker reden und Aktivisten aktivieren. Derweil schimpfen die einen die anderen «Gutmensch», während die anderen mit «Nazi» antworten. Grenzwächter Stossen an ihre Grenzen. 

Europa hat versagt. Und weil dieser Satz so dramaturgisch, so wegweisend klingt, wiederholen wir ihn gerne: Europa hat versagt. Natürlich haben auch wir keine Idee, wie man die Probleme lösen könnte, nein, aber schimpfen können wir allemal. Es ist unsere Pflicht, die Dinge endliche beim Namen zu nennen, um Himmels willen! Die Politik ist gefragt! Man müsste, man sollte, tut doch mal! 

Ja, natürlich verhungern in Afrika jeweils Kinder. Klar. Aber die werden doch nicht am Badestrand unseres Ferienortes angespült, verdammt nochmal! Das sind ja keine Flüchtlinge. Tut doch endlich etwas, sammelt, spendet, helft! Und wenn ihr prominent seid, Freunde, dann macht auf Twitter oder auf Facebook ein Statement für die Menschlichkeit. Sagt uns, dass auch wir – die wir doch nicht prominent sind – in der Verantwortung stehen. Auf euch hört man. Wir erwarten das. 

Jeder Einzelne ist angesprochen. Und doch ergibt die Summe aller Einzelnen nicht die Gesamtbevölkerung. Ein paar mogeln sich heraus. Also, genau gesagt mogelt sich der Grossteil jedes Einzelnen heraus. Eine Schande aber auch! Ihr Nachbar zeigt sich vielleicht nicht solidarisch, dieser Egomane. Oder Ihr Arbeitskollege hat in der Kaffeepause angemerkt, den Einzahlungsschein der Glückskette auf den Stapel für die Papiersammlung gelegt zu haben, flüchtig. Ja, das Böse ist allgegenwärtig. 

Darum hier und jetzt ein Appell: Tun Sie etwas, liebe Leserin, lieber Leser! Handeln Sie! Denn nur reden nützt nichts. Nur schreiben auch nicht.

Farbe bekennen

14. April 2014

Sind seine Haare nun gefärbt oder nicht? – Dieser weltbewegende Frage hielt nicht weniger als achtzig Millionen Deutsche in Atem, und in den rund achtzigtausend Frisörbetrieben beim grossen Nachbarn wurden schon mal die Farben angemischt, sozusagen aus politischen Gründen. Anders formuliert: Gerhard Schröder hat sein Land dazu gebracht, keine grösseren Probleme als die Echtheit der Haarfarbe seines Kanzlers zu haben. Das Optimum. Der mit einem Augenzwinkern als Medienkanzler benannte, ursprüngliche Jurist (Freiheitskämpfer des Kantons Jura) hat ergo alles richtig gemacht. Am 7. April wird Gerhard Schröder siebzig Jahre alt. Wir gratulieren herzlich! Und ja, wir glauben, es ist alles echt. – Ausser die Haare natürlich.

Könnte sein

11. März 2013

Diese Abstimmung ist ja mehr oder minder verwirrend: Wenn Sie gegen die Abzocker-Initiative sind, dann können Sie sich immer noch für den Gegenvorschlag entscheiden. Also ja oder nein? Am Dagegensten sind Sie allemal, wenn Sie sowohl die Initiative als auch den Gegenvorschlag ablehnen. Das grenzt an Rebellion. Nicht wenige wünschten sich, sie könnten ein klares «Vielleicht» in die Urne legen.

Es wird ja auch viel geschrieben in diesem Abstimmungskampf, geschweige denn gelesen: Vom Casino-Kapitalismus bis zum Casino-Sozialismus, von Managern, die nicht arbeiten, bis zu Arbeiter, die das nicht managen. – Alle haben irgendetwas zu sagen zum Thema Ungerechtigkeit, weil ja jeder betroffen ist. Direkt. Ungerechtigkeit ist sozusagen populär geworden.

Was nicht selten vergessen geht: Wenn sich jene zum Thema äussern, die schlicht keine Ahnung von nichts haben, dann ist das ungerecht gegenüber jenen, die eigentlich etwas davon verstehen würden, jedoch dadurch nicht zu Worte kommen. Tatsachen und Meinungen. Ein Gemisch. Manche reden auch nur, weil die Luft gratis ist.

Und genau das haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, den Kampf gegen die ungerechte Verteilung der Worte, die uns an den Abgrund treiben wird. Oder sogar noch einen Schritt weiter. Wir kämpfen dafür, dass in der Politik nur noch das gesagt wird, was auch nur annähernd Sinn macht. Als erstes wird in einem Pilotprojekt die Herbstsession auf einen Tag gekürzt.

Aber dies ist nur der Anfang unseres linguistischen Klassenkampfes, wir machen weiter, unermüdlich. Kampf der Casino-Phrasendrescherei! Gegen die Silben-Abzockerei! Nieder mit den Worthülsen! Und zum Schluss die Kernbotschaft: Zwei Mal Nein. Vielleicht.

Ganz offiziell

23. Oktober 2012

Schwierig zu sagen, was damals vor sich gegangen ist. Fest steht, dass Uwe Barschel tot in seinem Hotelzimmer in Genf aufgefunden worden ist. Was an Tragik kaum zu überbieten ist: Wenn schon sterben, dann sicher nicht in Genf. Und schon gar nicht in einem Hotel. Statistisch gesehen sterben die Menschen am liebsten bei sich zu Hause.

Zurück zu Barschel: Nach offiziellen Angaben war es ja Suizid. Aha. Ich möchte auch einmal eine offizielle Angabe sein. Da kann man Blödsinn reden, den lieben langen Tag. Und alle Leute sagen «na ja, das ist die offizielle Angabe, das glauben wir». Ich würde sagen, der Politiker sei an Langeweile gestorben. Oder an einem Lachanfall, nach einem Schwabenwitz. Ich sage, allen Warnungen zum Trotz hat er den Haartrockner in der Badewanne fallen gelassen.

Na ja, schwierig zu sagen. Und da sollte man auch keine Scherze machen, über so ein Politikerableben. Das war am 11. Oktober vor fünfundzwanzig Jahren. Aber warten Sie – ich glaube, Herr Barschel hat seine Haare gar nie geföhnt, nach offiziellen Angaben.

Ich will das auch

21. Juni 2012

Kein Witz. Heute Morgen gehört, auf Radio NRJ Zürich: Es soll so einen politischen Vorstoss geben, der darauf abzielt, das Kasernenareal in Zürich in einen Park zu verwandeln. Also, Sie verstehen: Umzunutzen, sozusagen. Die Kaserne abreissen und einen Park hinpflanzen, so richtig mit grün und so. Und ja: Es gibt Menschen, die hören Radio NRJ und stehen dazu. Vollgas Mainstream.

Na gut, das wäre ja an sich nicht schlecht, also das mit dem Park. Aber die Politikerin, deren Parteizugehörigkeit wir nicht nennen wollen (dies ist ja ein apolitischer Blog), hat im Radiointerview folgendes Zitat von sich gegeben:

In New York gibt’s auch einen solchen Park

So schön, oder? Und für alle, die ihren Augen nicht trauen, dieses tiefschürfende Zitat noch einmal:

In New York gibt’s auch einen solchen Park

Einerseits – das müssen wir wohl eingestehen – ist es tatsächlich richtig, dass in New York ein Park namens Central Park steht. Oder liegt. Ich kenne mich in New York absolut überhaupt gar nicht aus, muss jedoch eingestehen, dass diese Aussage richtig ist.

Der Punkt liegt anderswo: Was, meine lieben Damen und Herren, hat Zürich mit New York gemein? Bei allem Respekt: Was ist das für eine sinnbefreite Aussage einer offenbar eher progressiv selbstbewussten Zürcherin? Nennen wir das Kind beim Namen. Diese Aussage ist einfach nur peinlich.

In New York gibt es nämlich auch SMOG. Und Flugzeuge, die in Hochhäuser fliegen. Und Kriminalitätsstatistiken, die Zürich als Mädcheninternat dastehen lassen. Und – okay, das weiss ich nicht genau – offenbar Politiker, die etwas mehr darauf achten, was sie so von sich geben, den lieben langen Tag.

Also, liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie beim nächsten Mal einen Passagierjet in den Prime Tower zu Zürich fliegen sehen, einfach entspannen: In New York gibt’s das auch.

Für mich und Dich

11. November 2010

Politik soll dem Bürger dienen, und das tut sie auch. Wenn Bundesräte gewählt werden, so dient das dem Bürger (Bundesrätinnen den Bürgerinnen, Entschuldigung). Jeder Einwohner dieses Landes sollte sich das immer und immer wieder – selbst wenn es sehr schwer fällt – vor Augen führen: Das alles ist zu unserem Besten.

Wird also ein Bundesrat abgewählt, so dient das uns. Es kann ja nur gut sein, wenn die Allerbesten – die uns gerade gut genug sind – die Schweiz regieren. Ist einer also nicht so gut, dann kann er ja auch zu einer Bank arbeiten gehen, um reich zu werden. Und eine Frau kann auch am Herd bleiben, um sich als Bundesrätin nicht dümmlichen Journalisten-Fragen, wer denn zu Hause was mache, aussetzen zu müssen.

Dieses Bewusstsein, dass alles zu unserem Besten ist, muss regelrecht geschult werden. Wenn ein Politiker über einen anderen Politiker sagt, er sei ein gemeiner Lügner, dann dient das dem Bürger. Er wählt schliesslich die Politiker. Der Beschuldigte kann gegen diese Aussage klagen, was wiederum dem Wähler dient, denn Richter werden entscheiden, was immer gerecht ist, und das kann ja nur im Interesse jedes einzelnen Schweizers sein. Voilà.

Genauso ist es, wenn die FDP sagt, sollte die SP nicht ihren Kandidaten stützen, dann wähle sie nicht SVP, ausser natürlich die Grünen würden die FDP nicht abwählen zu Gunsten eines Sitzes der CVP. Ja, das alles ist für uns.

Sollte ein Zyniker auf die absurde Idee kommen, zu fragen, ob Politiker in Bern denn nichts Wichtigeres zu tun hätten, als ein Tamtam um die Wahlen zu machen und mittlerweile einander zu beschuldigen, dann ist diese Frage nicht zu Ende gedacht. Denn gerade weil eben diese Politiker dem Bürger dienen, haben sie dieses Land so schön gemacht und alle Probleme gelöst. Ergo gibt es im Moment tatsächlich nichts anderes zu tun als ein bisschen Theater zu veranstalten.

Zu unserem Wohle, natürlich.

Damals auf der Titanic

17. Februar 2010

Aber wir müssen doch.

Nein, das geht nicht. Das Problem an der Wurzel. Damals haben Sie. Es würde das Gegenteil. Das Beispiel zeigt es doch klar und deutlich. Wir sollten langfristig. Es ist höchste Zeit. Die Studie hat bewiesen. Wenn wir das machen. Das weiss ich aus sicherer Quelle. Sie denken das Problem nicht zu Ende. Es kann nicht sein. Seit Jahren sagen wir. In Zukunft wird doch. Das würde nur kurzfristig. In ein paar Jahren werden wir. Wir brauchen Resultate. Das wird Konsequenzen haben. Unter dem Strich ist es. Die Schwierigkeit ist doch. Vernetzt denken müssen wir. Die Zahlen stimmen nicht. Nur reden nützt doch nichts. Als Ökonom weiss ich. Schnell handeln. Die Praxis zeigt. Und zwar eine gemeinsame Lösung. Das kann man nicht vergleichen. Wenn wir nicht. Es wäre ungerecht.

Aber wir müssen doch.