Posts Tagged ‘Pissoir Rating’

Pissoir Rating #14, Ristorante Cooperativo, Zürich

18. Januar 2014

Lange ist’s her, seit dem letzten, fachmännischen Rating eines stillen Örtchens für drückende Männerblasen. Daher soll es ein regelrechtes Schmankerl sein: Das Cooperativo im Kreis 4 mit seiner langen Tradition, sozusagen die kulinarische Huldigung des Sozialismus. Trotz apolitischem Credo dieses Blogs erlaubt sich der interessierte Leser die Frage: Wie biseln Sozis?

Beim Betreten der Toilettenanlage sticht sofort ins Auge, dass hier Kenner am Werk gewesen sein müssen: Die zwei bewundernswert unspektakulär angelegten Pissoirs ersparen dem Wasserlasser die zermürbende „Links-Mitte-Rechts“-Frage und laden ihn ein, eine klare Richtung einzuschlagen. Das wirkt sich sehr positiv auf die Wertung aus, denn nicht selten wurde in diesem Blog die ungerade Anzahl an Becken scharf kritisiert: Drei Pissoirs nebeneinander laden den Gänger geradezu ein, den Fauxpas zu begehen und die eiserne Regel zu brechen, bei drei unbesetzten Startplätzen auf keinen Fall den Mittleren zu wählen.

Wer empfindliche Nasenschleimhäute sein Eigen nennt, sollte im Cooperativo auf einen Toilettengang verzichten. Die Klosteine mit Limettenduft wirken bis weit in den Treppenbereich ausserhalb der Anlage und signalisieren nicht nur, dass hier der Sauberkeit einen grossen Stellenwert eingeräumt wird sondern können bedenkenlos als eine Ode an die Chemiekeule schlechthin gedeutet werden. Es wirkt, als könnte man in die Luft beissen und sodann ein grosses Stück Limette im Mund halten. Das gibt Abzug.

Auf eine musikalische Untermalung des Geplätschers wurde verzichtet; Das Risiko von Menschenansammlungen bei (zu) guter Musik entfällt. – In der Wertung allerdings schlägt sich dies negativ nieder, denn für ein stressfreies Pinkelvergnügen sind Hintergrundgeräusche – und damit sind nicht die Geräusche aus den verschliessbaren Kämmerchen nebenan gemeint – unabdingbar. Die kleinen, grünen Fliesen sind in einem solchen Ausmass kitschig, dass sie im Rating positiv berücksichtigt werden.

Alles in allem eine sehr gepflegte, angenehme Anlage. Es wird nichts erzwungen und empfängt Männerherzen mit einem unspektakulären, ehrlichen Charme.

Wir erteilen eine glatte 5.

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Ach ja, nebenbei sei gesagt: Die Pizze des Cooperativo sind einfach super. Und preiswert. Und irgenwie spürt man bei jedem Bissen den entschlossenen Klassenkampf. Mit Limetten.

Pissoir Rating #11, Hotel Aarauerhof, Aarau

10. Dezember 2010

So. Nach längerer Pinkelpause endlich, endlich wieder ein Beitrag in der Rubrik «Pissoir Michelin». Na ja, die Welt kriegt das, was sie verdient. Heute, liebe Herren, nehmen wir die sanitären Anlagen des Hotel Aarauerhof an der Bahnhofstrasse in Aarau ins Visier. Wir werden treffen.

Als erstes ein grosses Kompliment: Die Musik ist absolut adäquat, nicht zu laut und im Stile von irgendwas chilligem, was man nicht kennt, sich aber auf jeden Fall wünschen würde auf einer einsamen Insel, als Ohrenschmaus zum Kokosnüsse-Sammeln, Krabbenfischen – oder eben: zum Pinkeln.

Ebenfalls positiv fällt die Sauberkeit auf, ja, es war geradezu verdächtig sauber. Als ob viele Männer den guten, alten Stehpinkel-Standard gar nicht mehr schätzen würden und lieber in den eigenen vier Wänden als im Aarauerhof pinkeln würden.

Das alles würde diesem Rating satte 5 Sterne bescheren, wäre da nicht dieser eine Makel, dieser eine, absolute No-Go. In früheren Berichten hatte ich mich bereits sehr wohlwollend über die kommerzielle Zusatznutzung von Toilettenanlagen inform von Werbung geäussert. Hier allerdings wurde eine Grenze überschritten:

Während ich mein Geschäft verrichte, was – die Natur der Sache will es so – mit sich bringt, sein edles Stück in der Hand, oder zumindest in den Fingern zu halten, lese ich Dinge wie «Edelstücke vom Rind» oder «Jingle Bells».

Verstehen Sie mich nicht falsch, meine Herren, während des Wasserlassens vom Essen zu lesen ist an sich nichts Verwerfliches. Aber, liebe Hoteliers: Bitte auf die Menünamen achten und Analogien vermeiden. Fleischvögel, Ochsenschwanzsuppen und – eben – Jingle Bells mögen im Speiseraum gerne gelesen werden, gehören in den Augen der Jury allerdings nicht über Pinkelbecken. Basta.

Wir vergeben schweren Herzens eine satte 4. Nicht, dass wir von Pinkelhorror oder gar traumatischen Erlebnissen berichten müssten, doch fällt die eben erwähnte, suboptimale Werbung sehr negativ ins Gewicht. Gut, man kann darüber lachen. Was allerdings – Kenner haben’s gemerkt – der Treffsicherheit nicht eben zuträglich ist.

Was bleibt ist ein schaler Nachgeschmack, den auch das Edelstück vom Rind nicht hat wettmachen können.

Pissoir Rating #10 – Skebe Zürich

30. Juli 2010

Mit Werbung auf Toiletten ist das so eine Sache: Stehe ich also da am Säule-Pflanzen und erblicke unweigerlich ein Bild von einem behaarten Fussball. Genau: Ein behaarter Fussball. Und die Schwerter von Wilkinson schreiben mir die Botschaft

Hair Off My Stuff

So. Dem kritischen Stehpinkler stellt sich unweigerlich die Frage, ob ein Pissoir-Rating mit einer sozialkritischen Bemerkung zur Werbung beginnen soll und darf.

Ja, es darf. Gerade in Momenten des vermeintlich ungezwungenen Wasserlassens ist einerseits die Erinnerung an Dschungel-Ähnliche Verhältnisse in der Lendengegend (viele würden sagen „in der Hirnregion“) nicht eben angebracht und sollte trotz skrupelloser Ausschlachtung des Themas Fussball tunlichst vermieden werden. Was natürlich in Zeiten des unfehlbaren Kapitalismus eine zugegeben gewagte Aussage ist. Wo gepinkelt wird, wird auch geworben. Wird auch verkauft. Und sei es noch so eine geschi… Werbung. Verzeihung.

Das alles soll natürlich nicht zu sehr vom eigentlichen Inhalt dieses Ratings ablenken: Vom Pinkelerlebnis. Das Skebe an der St. Urbangasse 4 in Zürich, gleich beim Bellevue, ist eines dieser sogenannten Trendlokale, wobei das wesentliche Merkmal von selbst ernannten Trendlokalen wohlgemerkt ist, dass es keine Trendlokale sind. Item.

Was der stilvoll eingerichtete Essbereich verspricht, hält auch das Herrenklo: Mann – und das ist ein Highlight für jeden Urinstrahl – pinkelt in Aluminium-Pissoirs. Aluminium! Meine Herren, das jahrelange Joghurt-Deckel-Sammeln hat sich gelohnt. – Es lebe das Recycling! Nieder mit der Wegwerfgesellschaft!

Ich gebe jedem Leser Recht, der den Kontext zwischen Joghurt und Pissoir als bedenklich taxiert, weshalb wir der Einfachheit halber behaupten, Designer-Schüsseln seien aus frisch gewonnenem Alu produziert worden. Jedenfalls schätzt ein jedes Ohr das merklich angenehmere Geräusch, das der sorgfältig gezielte Stahl verursacht.

Weniger positiv fällt der unschöne Gestank ins Gewicht, was zweifelsohne weniger mit der einfallslosen asiatischen Küche als viel mehr mit légèrem Putzverhalten der Designer-Reinigungskräfte zu tun haben dürfte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Insgesamt sind wir mit „genügend“ gut bedient und geben die Note 4 mit Gegenwind.

Kulinarisch gesehen war der Besuch im Skebe übrigens – Sie verzeihen mir diese belanglosen Informationen – ein Erfolg: Hamburger mit Beilagen wie z.B. Nachos. Also, hingehen lohnt sich allemal. Und ja, wie soll ich sagen, will ja nicht brüskieren, vergessen Sie nicht: Hair Off Your Stuff!