Posts Tagged ‘Medien’

Gut ist schlecht ist gut

21. Januar 2018

Um mit negativen Nachrichten adäquat umgehen zu können, muss man deren Wesen, den eigentlichen Prozess der Entstehung und Übermittlung verstehen. Klar, nur wer begreift, worum es im Kern geht, kann richtig reagieren (es sei denn, man ist Politiker). Dieser Text wäre unseriös, wenn folgend nicht die wesentlichen Phasen der Nachricht aufgeführt wären.

Am Anfang ist natürlich die Entstehung. Woher stammt die Nachricht, wer hat sie erfunden, ist sie wirklich negativ? Während bei Meldungen über das Weltgeschehen (Anja Zeidler hat sich die Brüste verkleinern lassen) ganz klar die Journalisten in der Pflicht stehen, ist die Lage bei vermeintlichen Nichtigkeiten komplexer.

Ein Beispiel: «Ich habe heute Morgen den Bus verpasst» klingt für den unreflektierten Zuhörer negativ. Dabei ist bei dieser Botschaft völlig unklar, ob der Sender (Jargon: Botschafter) tatsächlich diesen Bus hat nehmen wollen. – Ja, vielleicht wollte er ja mit dem Tram ins Büro? Vielleicht hat er ja frei genommen oder ist auf Ibiza in den Ferien. Wir wissen es nicht. Überlegen hilft.

Teil zwei im Prozess ist die Übertragung der schlechten Nachricht, die Probleme mit der Verständigung mit sich bringen kann. Ein positives «ich will sie fotografieren» des Chefchirurgen kann leicht als negatives «ich muss sie operieren» verstanden werden. Darum muss die erste Frage jedes halbwegs gebildeten Bürgers lauten: «Lügen mich meine Ohren an?»

Im Zweifelsfalle sollte man nicht nachfragen, um den Gesprächspartner nicht unnötig in seinem Redefluss zu stören. Das irritiert. Besser ist, eine Annahme zu treffen und den Gesprächsablauf abzuwarten. Aus «diese Panzerhaubitze» kann rasch «diese ganze Sauhitze» werden, gerade pazifistisch geprägte Ohren im Hochsommer. Wir brauchen bloss richtig hinzuhören.

So, das war’s bereits. Probieren Sie es aus, interpretieren Sie Nachrichten besonnen und selektiv. Es lohnt sich, je länger je mehr werden vermeintlich negative Nachrichten zu sehr, sehr positiven. In diesem Sinne: Interpretieren Sie gut, auf Wiederlegen, schönen Schlag noch!

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Oh nein!

7. Mai 2017

Die Diagnose war niederschmetternd: Filterblasenentzündung. Mist! Bei einer herkömmlichen Blasenentzündung, dachte Claus-Theodor, trinkt man etwas Tee und setzt sich nicht mehr auf kalte Parkbänke, und gut ist. Aber eine … schrecklich! Claus-Theodor rief sofort seine Mutter an.

Natürlich war auch sie geschockt, zumal sie schon einmal einen Virus eingefangen hatte, der sogar das Virenprogramm … – aber das alles hatte Claus-Theodor bereits tausend Mal gehört. Er fühlte sich alleine. Was sollte er bloss tun? Die Blase würde nicht mehr richtig funktionieren.

Sollte er etwa über die nächsten Tage Informationen lesen, die er gar nicht lesen wollte? Sollte er – der er doch nie genügend Zeit hatte – sich mit Meinungen herumschlagen, die von irgendwelchen Deppen gepostet worden sind? Sollte er etwa eine Zeitung der Lügenpresse abonnieren? Nein, das war keine Option.

Claus-Theodor beschloss, seinen besten Freund darum zu bitten, ihm täglich die wichtigsten Geschehnisse zusammenzufassen und per e-Mail zu schicken. So lange, bis die Filterblase wieder in Ordnung war. Das war nicht zu viel verlangt, fand Claus-Theodor. Denn schliesslich waren sie im selben Turnverein, in der gleichen Partei und Anhänger des gleichen Fussballkubs.

Das Sommerlo … chrrr, tschibüü!

24. September 2015

Das Sommerloch ist vorbei, endlich. Geflickt. Dieses Jahr war es die Mutter aller Löcher, sozusagen, eine Art Schwarzes Loch, denn aufgrund der Rekordtemperaturen wollte einfach nichts passieren. Es war zu heiss für Amokläufe, für ein GAU in Beznau und für suizidale Piloten. Nur Ertrinkungstote hatten Hochsaison. Die Medien rechneten mit einer bewundernswerten Hartnäckigkeit bei jedem neuen Opfer die noch fehlende Anzahl vor bis zum neuen Rekord. Man hätte auf dem Bundesplatz einen grossen Counter aufstellen sollen. 

Im Sommerloch haben wir erfahren, dass Melanie Winiger und Vujo Irgendweric das neue Traumpaar der Nation sind. C-Promi-Experten vermuten, dass die Verbindung durch intellektuelle Harmonie zustande gekommen ist und ewig halten wird. Damit wird das Paar Christa Rigozzi und Giovanni Carbonara sozusagen vom Thron gestossen – ein Paar, das – wie wir alle dank dem Sommerloch wissen – auf Hawaii in den Ferien war und ganz viele Selfies geschossen hat. Für uns. Renommierte Statistiker haben errechnet dass beim Anschauen dieser Fotos eine Rekordzahl an Tassen Kaffee über die Zeitung verschüttet worden ist. Weltweit. 

Nicht zuletzt wollen wir uns auch über die Meldung aller Meldungen freuen, gemeinsam: Dominique Rinderknecht (Miss Schweiz des Jahres 1913) hat eine neue Frisur. Diese bahnbrechende News hat es auf das Titelblatt der Pendlerzeitung «20Hirnzellen» geschafft und selbst das Bundesamt für Frisuren auf den Plan gerufen: Lang, gerade und blond ist in, kurz ist kacke. Ist das zu fassen? Ein Artikel übrigens handelte von behinderten Hunden, die hierzulande immer noch diskriminiert werden, angeblich. Vermutlich von Katzen. 

Christa Rigozzi hat übrigens auch neue Tattoos. – He Sie, hallo, aufwachen! Der Text dauert nicht mehr lange, halten Sie durch! Wie Eingangs gesagt, das Sommerloch ist ja nun durchgestanden, zu Glück. Es passieren wieder richtig wichtige Dinge. In China explodieren halbe Stadtteile, die helvetischen Wahlen stehen vor der Tür und Griechenland zahlt seine Schulden zurück (auch Spass muss sein). Und bald lesen wir über die Trennung von Melanie Winiger und Vujo.

Armee der Schenkelklopfer

12. März 2014

Die Zeiten ändern sich eben. Früher war ein Witz ein Witz. Heute ist er eine Gratwanderung. Und jeder, der schon einmal auf einem Grat gewandert ist, weiss zu gut, dass es erst bei einem Fehltritt so richtig lustig wird. Rechts oder links, ganz egal. Noch nie war politische Korrektheit so unlustig wie heute. Konsequent. Wir gehen zum Lachen in den Bunker.

Der Scheiss-Neger ist tot, es lebe der Exkrement-Starkpigmentierte! Im Namen eines neuen, korrekten Bewusstseins. Unsere Kinder spielen nicht mehr «Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann» sondern «war hat Angst vor dem bösen Mann». Das ist ein Unterschied. Und tatsächlich: Wir sind bessere Menschen geworden. Der Schoko-Kuss schmeckt einfach besser als der Mohrenkopf.

Die neue Denke gefällt, das Publikum hat verstanden: Die Mehrheit lacht nicht mehr bei Witzen über Minderheiten, sondern bleibt stumm bei Witzen über sich selbst. In Arbeit ist der genormte Humor, nach DIN. Nein, lustig ist das nicht. Aber total in Ordnung. Man kann schliesslich auch über andere Dinge lachen, zum Beispiel über … -ach was, wissen Sie, ich habe keine Lust mehr, irgendwie.

Was machen eigentlich…

19. Oktober 2010

all die Leute, die gerne berühmt geworden wären, und es schlussendlich nicht geschafft haben? Zum Beispiel Piero Esteriore? Oder diejenigen, deren Name gar nie in den Boulevardblättern erschienen ist – ja – die nicht einmal die Veranlassung hatten, ins Ringier-Gebäude zu fahren, weil sie negativ in den Schlagzeilen waren.

Genau, was ist mit all jenen, denen die fünfzehn Minuten Aufmerksamkeit, die ihnen das Leben schuldet, gar nie erhalten haben? Alle die PopStars-Kandidaten, die „Deutschland-sucht-den-Superstar“-Kandidaten, die sich nicht qualifiziert haben, deren Vorstellung jedoch zu wenig schlecht, zu wenig peinlich und deshalb zu wenig quotenwirksam war, um ausgestrahlt zu werden. Fragen über Fragen.

Vermutlich führt immer noch ein Grossteil der Menschheit ein Leben ohne jegliche Aufmerksamkeit, ist so unglaublich normal, so unerträglich medienunwirksam, dass es schon fast eine Straftat ist.
Das Normalo-Delikt.