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Wer warum Weltmeister wird

7. März 2010

Vor jeder Fussball-Europameisterschaft oder -Weltmeisterschaft setze ich hundert Franken ein bei einem Online-Wettbüro. Auf den Sieger. Bisher hatte ich immer auf Deutschland gewettet. Wobei man sich ja immer rechtfertigen muss, als Schweizer, wenn man Deutschland den Titel wünscht. „Was, Du setzt auf Deutschland? Mein Gott, bist Du etwa Deutschland-Fan?“

So weit, so gut. Würde ich dieses Jahr auf Deutschland setzen, so wäre die Quote 11. Will heissen: Für 1 Franken Einsatz kriege ich 11 Franken Gewinn im Falle eines Falles (Quelle: bwin.com). Am besten wird von den Buchmachern Spanien (Quote 5.25) und am schlechtesten Nordkorea (Quote 2000) eingeschätzt. Stand 7. März. Die Schweiz wird übrigens mit 151 aufgeführt. Na also, immerhin besser als Nordkorea. Ha ha.

Aber darum gehts hier nicht. Es geht darum, den Fussball-Weltmeister 2010 richtig zu prognostizieren. Und dafür ist dieser unfehlbare Blog wie geschaffen. Die Grossbank UBS hat ja durch ihr Analystenteam den letztmaligen Weltmeister Italien vorausgesagt, anhand von historischen Daten und Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Das ist schon imposant. Noch imposanter ist allerdings, dass Sie, liebe Leserin, lieber Leser, ganz ohne Analystengeschwafel den diesmaligen WM-Sieger hier bereits erfahren können: Argentinien.

Sie können jetzt einen unbeschwerten Lachanfall kriegen und sagen „ha, ha, Argentinien, was soll das, warum in aller Welt Argentinien?“ was nicht wenige machen dürften. Es gibt zwei Gründe für diese Prognose. Wobei: Ist etwas eine Prognose, was man schon weiss? Ist eine Prognose nicht immer eine Aussage mit gewissen Vorbehalten?

Grund 1 ist die Mannschaft. Sie ist gut. Sie hat kürzlich gegen Deutschland ein Freundschaftsspiel mit 1zu0 gewonnen. Natürlich nur ein Freundschaftsspiel. Aber immerhin. Die Mannschaft hat sich im letzten Moment in der WM-Qualifikation durchgemogelt, hat mit Biegen und Brechen das Ticket für Südafrika doch noch gekriegt, was sicherlich ein Grund sein dürfte, dass der Staat Argentinien heute noch existiert, weil bei einer Nicht-Qualifikation die fussballfanatischen Bürger vermutlich einen kollektiven Massensuizid zelebriert hätten.

Grund Nummer 2 ist Maradona. Ja, Sie haben richtig gelesen. Derjenige Diego Armando Maradona, der beim Training eine Havanna-Zigarre raucht, der nach eben dieser 5-vor-12-WM-Qualifikation den Journalisten gesagt hat „Ihr könnt mir alle einen blasen“ und dem ein Drogenproblem nachgesagt wird. Genau dieser Maradona. Der so viele Kritiker hat wie Aldi BMW-Fahrer. Ja, inzwischen wird Maradona von manchen Zeitungen als der schlechteste Trainer überhaupt betitelt. Und an dieser Stelle ein Zitat, das die Zeitung „Sonntag“ heute abgedruckt hat:

In einem Hospital hielt sich einer für Einstein und ein anderer für Newton, und als Maradona sagte, er sei Maradona, da wurde gelacht

Gerade deswegen werden es die Gauchos packen: Maradona entspricht nicht der Norm. Maradona lebt von Emotionen. Maradona ist Fussball. Und zwar geht es nicht um die Leistungen seiner aktiven Spielerzeit, sondern um die Bindung, den Kult Fussball, den Kult Maradona. Maradona ist Fussball ist Argentinien.

Vielleicht ist er ein Irrer, vielleicht nimmt er Drogen, vielleicht ist er ein schlechter Trainer. Doch: Wo steht denn bitte schön geschrieben, dass ein Drogen konsumierender Trainer ein Team nicht zum Titel führen kann? Wer sagt denn, dass ein Grössenwahnsinniger ein schlechter Coach sein muss? Und überhaupt: Ist der Chef der Mannschaft für das eigentliche Spiel so wichtig? Oder ist es auf diesem Niveau am Ende die Kunst des Motivierens, die ein Match entscheidet?

Gut, dies mag eine von vielen Voraussagen sein, die in letzter Zeit in der Presse, im TV, in Blogs herumschwirren. Es wird auch nicht die letzte sein. Vielen anderen hat diese Voraussage jedoch eines voraus: Sie stimmt.

(Übrigens: Argentinien hat auf Bwin.com Quote 11. Genau wie Deutschland)

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