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Das ewige Leben

21. Mai 2018

Man muss abstrahieren können. Im Endeffekt geht es ja darum, länger zu leben. Gesünder, besser. Darum ist es naheliegend, einen Blick über den Tellerrand zu wagen. Es gibt doch einen kleinen Ort in Italien, Camorra oder so (oder war es Acciaroli?), da liegt die Lebenserwartung weit über dem Durchschnitt. Ab und an steht davon in der Zeitung. Die Menschen dort werden etwa hundertfünfzig Jahre alt, im Schnitt. Warum denn?

Recherchiert man ein bisschen, dann wird schnell klar: Die Leute dort trinken keinen Schluck Alkohol, nein, sondern nur destilliertes Mai-Regenwasser aus handgefertigten Tonkrügen, das mit Vitaminen und Spurenelementen angereichert ist. Im Wein liegt nämlich gar nicht die Wahrheit, sondern die Dummheit. Und der Tod. Also: Hände weg von Alkohol!

Auch Lebensmittel mit Konservierungsmitteln sind tabu. Man isst dort keine Fertigpizzas (ja, liebe Adriatouristen mit Linguistik-Diplom, es heisst natürlich «Fertigpizze», bitte nicht mehr anrufen) und Tiefkühl-Lasagne. Konservierungsstoffe sind des Teufels. Entgegen vieler Expertenmeinungen konservieren sie nämlich nur das Essen, nicht aber den Menschen, leider. Emulgatoren sind in Wahrheit des Teufels.

Natürlich findet auch kein herkömmliches Brot den Weg auf den Tisch, in diesem italienischen Dorf. Brot enthält bekanntlich Gluten, was die Skala der Schlechtheit nach unten durchschlägt. Ihr Körper lechzt förmlich nach gesundem, glutenfreiem Gebäck. Es schmeckt richtig scheisse (Sie verzeihen den Ausdruck, doch versuchen sie es einmal). Hören Sie auf Ihr Herz. Ich glaube, Satan betrieb früher eine Bäckerei. Mit Holzofen.

Fleisch kommt natürlich auch nicht auf den Teller, denn Fleisch enthält Hormone, zu viel Eiweiss und keinen Tofu, dafür aber jede Menge Tier. Das ist natürlich schlecht. Mit all diesen Dingen tun wir unserem Körper keinen Gefallen. Er wird früher oder später sterben, aus Protest. So, liebe Leserin, lieber Leser, das war’s bereits. Wenn Sie das alles nicht glauben, dann fragen Sie am besten direkt nach, bei diesen Leuten dort, in Italien. Die müssen es ja wissen.

Na ja, vielleicht hat die Behörde des besagten Dorfes auch nur einen Beamten, der extrem schlecht in Mathematik ist und die Statistik daher falsch erstellt hat. Falls dem so wäre, ein Tipp: Vitamin D würde helfen. Oder Dextrose.

Das Fade im Fadenkreuz

1. April 2013

Das wesentliche Merkmal von Menschen, die sich gesund ernähren ist, dass die ziemlich ungesund aussehen. Ja, blass und mager. Und irgendwie unglücklich. Wissen Sie, gesund essen heisst ja heute nicht weniger als: Kein Fleisch, kein Gemüse aus unfairer Haltung und nichts, was gut schmeckt. Freudlos fleischlos sozusagen.

Fleisch ist ja sowieso des Teufels. Und wenn wir nicht genau wissen, dass dieses Steak von einer Kreatur stammt, die zufällig von einem biologisch ernährten Esel nachhaltig gezogenen Wagen überfahren worden oder durch Suizid gestorben ist, spielt zusätzlich das enorm schlechte Gewissen mit. Man tötet Tiere und isst sie. Ekelhaft.

Wer einmal einen Tofuklumpen geschlachtet hat, weiss den Unterschied zu schätzen: kein Fett, kein Blut und keine Innereien, keine Gedanken darüber, ob die Sojapflanze genügend Auslauf, genügend Licht und wenig Hormone abgekriegt hat. Absolut nachhaltig und intellektuell nachvollziehbar – Einfach herrlich!

Und: Gebraten mit Atomstrom. Manchmal löst sich auch ein bisschen der Teflonbeschichtung Ihrer Pfanne und vermischt sich mit der handgepflückten Hirse unseres Couscous. Oder wir erfahren aus der Zeitung, dass die Nahrungsergänzungs-Vitamine – die wir aufgrund unseres wohlbringenden Fleischverzichts täglich schlucken müssen – in neun von zehn Fällen zu einem plötzlichen Herzstillstand führen.

Fazit: nachhaltige Ernährung ist so wahr wie die Mär vom Schnee aus Frau Holles Bettlaken (für Wintersportorte: Wie die Mär vom Schnee, der vom Himmel fällt). Wenn man ganz kleinlich alle Faktoren der Produktionskette einrechnet, dann gibt es gar keine nachhaltige Ernährung. – Ausser, wir essen unsere Nasenpopel. Und gerade bei Männern spielt eben am Tisch der psychologische Effekt auch eine wesentliche Rolle, weshalb Fleisch auf den Teller kommen muss. Das archaische Ego isst eben auch mit: Der Sieg über die Kreatur ist unvergleichlich! – En Guete!

Früher

18. März 2013

Das ist doch total sinnfrei, das mit dem Fitness- und Ernährungswahn, ehrlich. Reine Geldmacherei. Früher wurde auch gegessen, was auf den Tisch gekommen war, von Kutteln bis Schwarte, und man hat trotzdem gelebt bis man gestorben ist. – Und zwar eines natürlichen Todes. Zum Beispiel durch eine Splittergranate.

Damals haben uns die Ärzte auch nicht den ganzen Blödsinn von Bluthochdruck, Gefässkrankheiten und gesunder Ernährung weismachen wollen. Es wurde der Puls gefühlt, gemeinsam zwei, drei selbst gedrehte Zigaretten geraucht und nach einem gezielten Klaps auf den Hinterkopf war der Patient geheilt. Sicher. Die heutige Spassgesellschaft ist doch vollkommen verweichlicht. Wird einer von einem Lastwagen angefahren, ruft man sofort die Ambulanz. Gefässkrankheiten – pha! Eine Bierflasche ist schliesslich auch ein Gefäss.

Früher gab es auch keine Hypochonder. Das ist nämlich die Pest unserer Zeit: Je mehr der Mensch über Krankheiten weiss, desto mehr Chancen hat er, sich welche einzubilden. Mit dem Internet hat sich dieses Übel zusätzlich verschlimmert, weil Halb- und Unwissen viel effizienter unter Halb- und Unwissenden ausgetauscht werden kann. Mein Nachbar ist ein vorzügliches Beispiel. Er behauptet steif und fest, im Netz einen Virus eingefangen zu haben.

Sportlicher waren die Menschen auch, früher. Nur hiess es damals nicht Mountainbiking, Aerobic und Body Forming. Es hiess Kartoffeln-Auflesen auf dem pickelharten Feld, barfuss und bei vierzig Grad im Schatten. Ohne Sonnencrème. Oder Heuwenden mit blossen Händen, denn Pollenallergien und dergleichen konnten sich die Leute nicht leisten. Man stelle sich eine achtzehnjährige, blonde Magd mit Heu-Allergie vor, das ginge ja gar nicht. So war das. Und im Turnunterricht trugen die Jugendlichen nicht dieses teure High-Tech-Zeugs, nur der Mode wegen. Man trug braune Hemden.

Die Sporternährung von Heute ist ebenfalls ein Witz: Der rumänische Fussballstar Gheorghe Hagi ass angeblich vor jedem Spiel einen Teller Pommes Frites und zeigte auf dem Feld eine hervorragende Leistung. Der hat den Ball einfach ins Tor geschossen, ohne die Tipps des Mannschaftskochs zu beachten. Ohne Pasta. Na ja, die Kartoffel ist schliesslich ein Gemüse, oder? Und Ketchup ist aus Tomaten gemacht. Also, nichts mit Power-Müsli und Energy-Drinks. – Alles Weichbecher!

Und sollte jetzt der Eindruck entstanden sein, dass früher alles besser war, dann stimmt das natürlich nicht. Alles in allem haben wir es heute schon viel, viel besser. Man muss schon ehrlich sein. Wobei: Das ist doch total sinnfrei, das mit dem Fitness- und Ernährungswahn, oder? Früher, wissen Sie, früher … na ja, lassen wir das.