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Spitalgeschichten #3

19. Februar 2010

Ja, Operationen vermitteln eben schon spezielle Eindrücke. Erfrischend. Wenn Sie so zum Saal gefahren werden, wehrlos, im Delirium, und nur die Decke anstarren. Warum wird die Decke zum OP-Saal nicht als Werbefläche vermietet? Wäre beeindruckend, zweifelsohne. Nachhaltig. Egal.

Und da hab ichs gesehen, im Vorraum zum Operationssaal. Sie müssen sich vorstellen, Sie liegen auf dem fahrbaren OP-Bett, welches speziell unbequem ist. Es ist sozusagen der Recarositz unter den Betten. Neben Ihnen stehen die Leute, die eben das machen, was sie machen müssen. Einer schnallt Sie an. Andere machen anderes. Und zwei junge Frauen waren dann eben diese Anästhesistinnen (später riefen die dann noch ihren Chef, weil zwei Leute offenbar nicht ausreichen, um einen zu narkotisieren). Die sahen richtig gut aus. Auch ohne Kontaktlinsen.

Jedenfalls gibt das so ganz ungewohnte Perspektiven, wenn Sie so da liegen und Leute um Sie herumstehen. Da hab ichs gesehen, allerdings ohne speziell darauf zu achten: Die hatten keine Haare in der Nase, alle beide nicht. Kein einziges, klitzekleines. Blitz blank. Das sah richtig gepflegt aus. Imposant.

Es muss irgend ein Anästhesie-Kodex geben, ein Nacktnasenloch-Gesetz oder so. Dies ist sicherlich die erste Lektion an der Anästhesisten-Schule: Nase blank, jeder sieht rein! Und bei der Diplom-Übergabe kriegen dann alle so einen goldenen Nasenhaar-Trimmer. Mit Gravur. Ja, so muss es sein. Versuchen Sie’s bei Ihrem nächsten Besuch bei der Kosmetikerin – anstelle von „Brazilian“ oder „Hollywood“ – mal mit „ein Mal Anästhesisten-Style, bitte!“ Blitz blank! Richtig gepflegt.

Der geschulte Leser mag sich jetzt fragen „was soll das, warum schreibt der über Nasenhaare von Anästhesistinnen?“ und „wie will der damit die Welt retten. Dieser Blog wird doch die Welt retten, oder?“ Um es vorneweg zu nehmen: Ja, der Blog wird die Welt retten. Was sicherlich einiger Menschenkenntnis bedarf. Genau darum geht es.

Womit das obige Rätsel wohl gelöst wäre. Wissen ist Macht. Sollten Sie beispielsweise an einer Party (oder noch schlimmer: An einer Hochzeit) einer Person begegnen und – der hohen Kunst des Small Talk mächtig – sie nach ihrem Beruf fragen, dann wissen Sie nun, was zu tun ist, wenn die Person mit Anästhesist antwortet. Lügt er/sie oder lügt er/sie nicht?

Ich habe mich einmal in progressiv-weise praktiziertem Small Talk geübt und eine Pathologin gefragt, was denn ihre Lieblings-Todesursache sei. Die fand das nicht lustig, erstaunlicherweise.

Dieser Tipp mit den Nasenhaaren, da mögen Sie durchaus recht haben, ist in der Praxis schwierig umsetzbar. Gerade bei eher gross gewachsenen Menschen fällt es nun mal auf, wenn sie sich unter irgendeinem Vorwand bücken und ihrem Gesprächspartner in die Nasenlöcher schauen. Wobei angesichts der Wichtigkeit – wir sind uns hoffentlich alle einig, dass die Rettung der Welt wichtig ist – durchaus an die Kreativität der Partyteilnehmerinnen und -Teilnehmer appelliert werden darf, wie ich finde.

Und wenn das schief läuft, die Lage eskaliert und der Partner/die Partnerin des Gefragten ein ausgewiesener Karatekämpfer mit Aggressionsstau ist oder so und Sie so richtig nach Schulbuch vermöbelt, dann denken Sie an meine einleitenden Worte: Operationen vermitteln immer spezielle Eindrücke.

Spitalgeschichten #2

18. Februar 2010

Na ja, nur nicht sentimental werden. Im Spital ist man so ein bisschen, wie soll ich sagen, im Ausnahmezustand. Also, im Kantonsspital Aarau, in der Tagesklinik, da hat jeder Patient ein eigenes, kleines TV-Gerät. Zur Ablenkung.

Kurz vor der OP – man hatte mir schon ein Dormicum gegeben – lag ich also im Bett und schaute MTV. Dormicum ist eine gute Erfindung: Man döst so herrlich entspannt weg, ist aber noch halbwegs bei Bewusstsein, auf dem Grat zwischen Hier und Dort, denn die Vollnarkose kommt erst später (cleverer Bursche, dieser Dormicum-Erfinder, Gratulation! War sicher keine Schlaftablette). Ich hatte zwar die Kontaktlinsen nicht mehr auf, sah also alles verschwommen, doch MTV, das kann man irgendwie immer gucken. MTV, das ist so husch-und-weg-Fernsehen, so fantastisch seicht und irgendwie geboren, um zu unterhalten. Anspruchslos. Gut, und da kam also dieses Video. Ist nicht mehr ganz neu, ich weiss. Aber es ist einfach super schön. Berührte mich. Ich war wie in Trance. Ist ja auch irgendwie schön, wenn man sich ob solch kleiner Dinge freuen kann.

Gut, wir wollen ja nicht in Euphorie verfallen. Hallo Planet Erde. Solche Dinge sind ja immer sehr subjektiv. Und kurz vor Ende solch schöner Videos sollte man den TV abschalten. – Denn nach dem Video kommt das nächste. Wie im Leben. Und irgendwie möchte man ja noch die Bilder und die Melodie des so schönen Videos in Erinnerung haben. Ein guter Ratschlag, wie ich finde.

Sie finden diesen Tipp blöd? Ist natürlich Einstellungssache. Doch in dieser Situation, vor der OP, kurz vor der Vollnarkose, hätte ich diese Regel besser eingehalten: Nach diesem Video kam nämlich das neue von Tokio Hotel.