Posts Tagged ‘Bahn’

Eine Ode an den Ellenbogen

22. Dezember 2016

Als erstes sollte man beim Einsteigen möglichst viele andere Passagiere anrempeln, ein bisschen, um Revieransprüche zu markieren. Und es fördert einfach die zwischenmenschlichen Kontakte, denn heutzutage – mit all diesem virtuellen Tand – kommen Berührungen einfach zu kurz. Zeigen Sie Einsicht und schubsen Sie, die anderen haben das verdient. Schliesslich spricht man von Stosszeit.

Das von promovierten Ingenieuren ausgeklügelte Konzept der modernen Bahnwaggons basiert auf der Prämisse, dass sich das Transportgut – um hier ein bisschen mit Jargon zu prahlen – gegenseitig auf die Sprünge hilft: Herumtrödeln, unmotiviert stehen bleiben, planlos das Smartphone streicheln und nicht vorwärts machen, nein, das liegt bei der modernen Bahnreise einfach nicht mehr drin.

In unserer Zeit ist das gesamte Bahnnetz von Genf-Guoträn bis Chur total überlastet, was jeder annähernd aufmerksame Bürger erkennen kann, weshalb die SBB geradezu gezwungen ist, den Fahrplan so exakt zu takten, dass für Ineffizienzen aller Art schlicht kein Spielraum vorhanden ist. Das einzig Störende bei der Computer-unterstützten Planung ist der Passagier. Er lässt sich nur bedingt simulieren.

Der Fahrgast nämlich erinnert sich während des Aussteigens an seinen Mantel, der noch im Wagon liegt, spannt seinen Regenschirm mit gefühlten drei Metern Durchmesser bereits im Eingangsbereich auf oder will unbedingt demonstrieren, dass der kleine Justin schon ganz alleine die Treppe hinunterstolpern kann. Manche erbrechen sich auch während des Aussteigens, weil sie auf der Fahrt einen enormen Durst entwickelt hatten, der ab und an reflektiert.

Ja, Bahnreisende vergeuden diejenige Zeit, die dringend benötigt würde, um den Fahrplan noch enger zu takten, damit mehr Bahnreisende befördert werden könnten. Darum – um den Kreis zu schliessen – ist es geradezu die Pflicht des verantwortungsbewussten Passagiers, freundlich aber bestimmt zu schubsen und zu schimpfen, wo es nötig ist. Wir dienen damit der Gesellschaft. Und der Effizienz. Selbst wenn dafür kein Dankeschön zu erwarten ist für diesen Dienst an der Allgemeinheit. Von diesen egoistischen Ignoranten.

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18. November 2016

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Zürich Hauptbahnhof, 2016

Lok Lhasa

3. April 2016

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Tibet 2015, Lokomotive Bahnhof Lhasa

Herzlich Willkommen

19. März 2014

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Abschrankung Baustelle Hauptbahnhof Zürich, Februar 2014

Die Bahn bringt’s

13. Dezember 2011

Im Grunde genommen ist die S-Bahn gar nicht überfüllt. Sie ist gut besetzt, okay, aber überfüllt darf man das nicht nennen. Nein. Dieser Sumoringer steht Ihnen auch gar nicht auf dem Fuss, kein Rehpinscher schnüffelt in Ihrem Schritt und kein Kebab-Konsumierendes Subjekt beglückt die gefühlten Tausend Menschen in diesem Wagon mit einem Geruch irgendwo zwischen angeschimmeltem Fliegerbenzin und überfahrenem Lamm. Es ist alles eine Illusion.

Genau genommen werden die Ticketpreise auch nicht teurer, nein. Es ist eine Frage der Perspektive. Bei näherem Hinsehen oder – noch besser – bei einer ökonomischen Betrachtung hat nur Ihr Geld weniger Wert. Sie sehen: Selbst diese Argumentation der ewigen Lästerer schiesst ins Kraut. Alles Autofahrer, Luftverpester! – Ach, was sage ich: Mörder! Autofahren ist sowieso asozial, denn man hat gar keine Möglichkeit für zwischenmenschliche Kontakte. Ausser bei Unfällen vielleicht.

Mit der Pünktlichkeit der SBB steht es ebenfalls besser als allgemein angenommen. Die Züge sind so etwas von zeitgenau. Wenn dann alle Schaltjahre einmal ein Zug fünf Minuten zu spät am Ziel eintrifft, dann sollten Sie die Fahrgäste sehen! Ja, das sollten Sie erleben: Die drehen sofort durch, schimpfen, fallen regelrecht aus der Matrix! Nein, die Bahn ist so pünktlich, dass auf dem neuen Fahrplan angeblich sämtliche Abfahrtszeiten um zwei Minuten nach vorne geschoben werden mussten. Manche Exponenten am CERN in Genf sollen behauptet haben, dass zuviel Pünktlichkeit eine Verschiebung des Raum-Zeit-Kontinuums hervorrufen kann. Klingt gefährlich.

Das ganze Gejammere der Pendler kann einen ganz schön nerven. Inzwischen spricht man von einer neuen Spezies, vom sogenannten Wutpendler. Ein Trend ist geboren. Die sind doch bloss zu faul, um mit dem Auto zur Arbeit zu fahren! Zu träge, morgens die Frontscheibe zu enteisen und zu ungeduldig, hin und wieder gemütlich im Stau zu stehen. Und überhaupt: Im Grunde genommen ist die S-Bahn gar nicht überfüllt.

Ganz direkt

9. Dezember 2011

Passagier:            Herr Schaffner, ich habe eine Beschwerde

Zugbegleiter:         Eine Beschwerde? – Also, eigentlich nennen wir uns ja Zugbegleiter. Wie kann ich Ihnen helfen?

Passagier:            Hier sind keine Sitzplätze mehr frei. Ich muss seit einer halben Stunde stehen, obwohl ich eine Fahrkarte habe für die 1. Klasse.

Zugbegleiter:         Dürfte ich das bitte mal sehen?

Passagier:            Was, das Ticket?

Zugbegleiter:         Ja, das Billet … oh, Sie fahren von Aarau nach Basel?

Passagier:            Genau, steht auf dem Ticket. Das ist doch der Zug nach Basel, oder?

Zugbegleiter:         Das ist der Zug von Ölten nach Basel, genau. Sie haben jedoch nicht via Olten gelöst.

Passagier:            Ich musste in Olten umsteigen.

Zugbegleiter:         Ihr Billet berechtigt nur für die direkte Fahrt. Sie müssen leider nachzahlen.

Passagier:            Weil ich umsteigen musste?

Zugbegleiter:         Nein, weil Sie das falsche Billet haben.

Passagier:            Auf meiner Fahrkarte steht doch von Aarau nach Basel!

Zugbegleiter:         … aber nicht via Olten. Das kostet halt etwas mehr. Ich habe die Tarife nicht erfunden.

Passagier:            Na dann (bezahlt den Preis)

Zugbegleiter:         Vielen Dank!

Passagier:            Eine Frage noch: Hätte ich im direkten Zug nach Basel einen Sitzplatz gehabt?

Zugbegleiter:         Das weiss ich leider nicht.

Passagier             (grummelt) Wieso eigentlich Zugbegleiter? Ich begleite den Zug ja auch …

Mensch … – äh: Maus sein

29. Oktober 2010

Wissen Sie, das ist jetzt nicht so ein Gutmensch-Text, wie wir sie vom Krankenkassen-Magazin her kennen. Das hier kommt von Herzen und soll ein kleines bisschen Sonne bringen.

Also, die Story ist simpel: Stehe ich doch kurzlich am Bahnhof Zürich Giesshübel, um mit der sogenannten Sihltalbahn nach Zürich Hauptbahnhof zu gelangen. Es regnet. Es gibt – wegen Umbau – kein Unterstand. Es ist scheisse. Richtig unschön.

Und dann kommt der viel gepriesene, allseits bekannte Lautsprecher ins Spiel. Bahnhoflautsprecher. Für die Durchsagen. Und was sagt der liebe Lautsprecher durch? Dass der Zug Verspätung hat? Dass der Zug in Kürze eintreffen wird? – Nein, nein, es kommt anders.

Im Lautsprecher ertönt die Melodie der „Sendung mit der Maus“. Sie wissen schon: Die Mutter alller Sendungen, die Sendung aller Sendungen, die wir als Kind immer sehen durften und so furchtbar interessant und lehrreich ist.

Gut, da ertönt also diese Anfangsmelodie, einfach so, und ich freue mich, und ich freue mich. Und es regnet weiter. Und die Wartenden Passagiere mögen sich wie Teilnehmer eines Flashmobs fühlen, oder Opfer der Versteckten Kamera. Oder sonstwas.

Dem ist nicht so. Es erklingt einfach diese Melodie. Und der Regen spielt plötzlich keine Rolle mehr.

Ja ja

18. August 2010

Mittlerweile gehört es ja zum guten Ton, gegen die SBB zu wettern: Zu häufig Verspätung, zu teuer, zu überfüllt, zu dreckig, zu bahnig. Natürlich ein guter Grund, hier und jetzt in die gleiche Kerbe zu schlagen.

Sitze ich also im Zug von Zürich nach Aarau, der – die Tradition will es so – mit genau so viel Verspätung unterwegs ist, damit der Anschluss in Aarau nicht erreicht werden kann. Vermutlich ist das so eine Art Ehrenkodex unter Zugführern, diese Strecke auf gar keinen Fall pünktlich zu fahren. Oder es ist ein Kündigungsgrund, wenn einer auf die vollkommen absurde Idee kommt, nach Fahrplan anzukommen (das sind dann diese Fälle, in denen im Arbeitszeugnis steht, der Mitarbeiter sei zu pingelig gewesen).

Jedenfalls wurden die Passagiere informiert, dass aus irgendwelchen Gründen – Fahrleitungsstörung, Stellwerkstörung, Kaffeepause, Atomkrieg – eben dieser Zug mit Verzögerung ankommen wird. Und am Ende der Durchsage der wundersame Satz

Wir danken für ihr Verständnis.

So so. Die Schweizerischen Bundesbahnen danken mir also für mein Verständnis. Da stelle man sich die berechtigte Frage, wie die Schweizerischen Bundesbahnen wissen können, dass ich Verständis habe. Böse Zungen würden wohl behaupten, dass dies eine Behauptung sei, das implizite Verständnis aller Fahrgäste, dass der Zug zu spät ankommen wird.

Na ja, man kann ja auch hingehen und sagen, dass es ja Glück sei, überhaupt anzukommen. Der Zug hätte sich ja überschlagen und von einer achzig Meter hohen Brücke in die Aare stürzen können. Was – und da bin ich ganz ehrlich – auch nicht sonderlich angenehm sein dürfte. Mit Sicherheit hätten jedoch auch da die Passagiere ein sonderbar kollektives Verständnis. Bis ins Grab. Und der Pfarrer würde dann bei der Beisetzung die tröstenden Worte sprechen, dass der Verstorbene ein passionierter Bahnfahrer mit extrem viel Verständnis gewesen sei. Na ja.

Jedenfalls fällt mir dazu jetzt auch nicht mehr ein. Ich bin mir allerdings sicher, dass Sie da … – okay, okay, jetzt ist aber Schluss. Basta!

Platon der Provinz

27. März 2010

Neulich um etwa elf Uhr nachts in der Regionalbahn zwischen Aarau und Schöftland. Drei junge Leute unterhalten sich. Fremde. Sie sprechen wunderbar breites Berner Dialekt. Ich liebe es. Die beiden Jungs 17 Jahre alt, die Frau 20. Warum ich das weiss? – Die haben sich offenbar erst eben getroffen und fragen sich nun die üblichen Dinge. Einer kommt aus Hasle-Rüegsau im Emmental, was schon sehr, sehr seltsam ist. Also, nicht Hasle-Rüegsau an sich, aber der Umstand, dass einer in dieser Provinzbahn sitzt, sagt, er wohne in Hasle-Rüegsau und nicht im gleichen Atemzug hinzufügt, dass er sich total verfahren hat, verirrt auf einem fremden Planeten, in einem fremden Leben. Egal.

Jedenfalls tragen die beiden Jungs diese Baggy Pants. Sie wissen schon: Die herabhängende Hose, die Blicke auf die Boxershorts und im schlimmsten Fall auf die Arschritze freigibt. Hallo, ich bin’s, der Arsch. Die tragen auch so fette, ausgelatschte Turnschuhe, so gemusterte Kaputzenpullies, und das sieht richtig gut aus. Auch wenn ich nicht eben ein Verfechter der Hip-Hop-Kultur bin. Die jungen Männer übertrumpfen sich gegenseitig mit so Aussagen, offenbar um der Frau irgendwie zu imponieren. Einer sagt, er sei von der Schule geschmissen worden, so krass, der andere meint, Thai-Pillen solle man nicht schlucken, nein, auf keinen Fall. Die müsse man rauchen.

Es ist derjenige Gangsta, der – als der Zug am Bahnhof Aarau losfährt – merkt, dass er mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt. Er will den Platz wechseln, um in Fahrtrichtung zu sitzen. Es werde ihm sonst übel. Das habe er von seiner Mutter. Sein Kollege pflichtet ihm bei, dass in Fahrtrichtung sitzen auf jeden Fall besser sei. Denn er wolle ja sehen, was komme.

Dann fällt der Satz, der mich zum Schreiben dieses Textes bewegt. Offenbar ist sich die Frau nicht bewusst, welch herrlichen Satz sie in diesem Moment sagt. Sie sitzt gegenüber der Burschen, also mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und sagt:

Ich sehe lieber das, was schon war. Es ist realistischer.

Zehn Minuten

25. März 2010

Bolivien. Eine Busfahrt von Cochabamba nach Sucre dauert 11 Stunden, versichert der Mann am Ticketschalter mit Vertrauen erweckender Miene. Gut. Nachtfahrten sind gefährlicher als Tagfahrten, wegen der Überfälle. Sagt Lonely Planet. Allerdings spart der Tourist beim Ersteren eine Übernachtung in der Herberge. Gut: Nachtbus.

Mit einer Stunde Verspätung fährt der Bus los. Während der Fahrt hält der Chauffeur ein paar Mal an, um weitere Passagiere aufzunehmen, die jedoch keinen Sitzplatz mehr finden. Sie legen sich im schmalen Korridor hin. Ihr Fahrtgeld wandert in die Taschen des Personals. Jedem das Seine.

Um etwa drei Uhr morgens zieht ein wüstes Gewitter auf, weshalb der Bus zum Stehen kommt. Es herrscht Erdrutschgefahr. Das Dach des Fahrzeuges ist offenbar ein Schönwetter-Dach, denn die Insassen erhalten eine kalte Dusche.

Schliesslich fahren wir weiter, doch an vielen Stellen ist die Strasse überspült. Dann steigen ein paar Männer aus (auch Fahrgäste) und machen mit Schaufel und Pickel den Weg passierbar. Keiner murrt.

Etwa eine Fahrstunde vor dem Ziel hat sich ein regelrechter Fluss quer durch die Piste gepflügt. Mit normalen Werkzeugen ist da nichts zu machen. Schade. Ein paar Leute steigen aus und begutachten die Situation. Pause.

Ich frage den Fahrer, was man da mache. Die Antwort: „Wir können nicht durch“. Gut, das ist einleuchtend. Immer noch Pause.

Ich frage, was wir jetzt machen würden. „Wir können nicht durch, wir müssen warten“.

Angesichts der grossen Wassermenge, die über die Strasse plätschert, hake ich nach, auf was wir warten müssten. Seine Antwort: „Wir müssen warten“. Der Fahrer lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Unter den Gästen sind Frauen mit Kleinkindern. Egal. Warten.

Nach etwa zwei Stunden Warten im Ungewissen verlangen wir unsere Rucksäcke aus dem Gepäckraum und waten – gemeinsam mit einem anderen Touristenpärchen – durch das Wasser ans andere Ufer, an dem sich glücklicherweise ein kleines Dorf befindet. Dort feiert man (es ist der 2. Januar) immer noch Neujahr und ist ziemlich betrunken. Sehr ziemlich.

Trotzdem organisiert ein hilfsbereiter Bewohner ein Auto, welches uns sicher nach Sucre bringt. Insgesamt sind zehn Personen in einen Kombi gepfercht, das Gepäck auf das Dach geschnallt. Die am Strassenrand stehende Polizeipatrouille allerdings winkt uns durch. Mit etwa sechs Stunden Verspätung treffen wir in Sucre ein.

Szenenwechsel: Zürich Hauptbahnhof, abends. Stosszeit. Der Zug nach Lenzburg-Aarau-Liestal-Basel ist überfüllt. Viele Pendler haben die Stehkarte gezogen. „Infolge einer Stellwerkstörung hat dieser Zug fünf bis zehn Minuten Abgangsverspätung“. Und dann bittet die metallene Stimme um Verständnis. Viele Passagiere ärgern sich, raunen, werden nervös, greifen zum Mobiltelefon, beschweren sich beim Zugbegleiter.

Und zehn Minuten später… – fährt der Zug los.