Posts Tagged ‘Abstimmung’

Der Berg ruft nicht

10. Februar 2016

Ganz ehrlich: Wären Sie Gotthard, liebe Leserin, lieber Leser, dann würde Ihnen das alles zu viel. Zu viele Autos, zu viel Lärm und zu viel Geschrei um Ihr Innerstes, um Ihr Herz, sozusagen. «Warum», würden Sie vermutlich sagen, «warum immer ich, warum keine zweite Röhre durch den Lötschberg. Oder durch den Böhler zwischen Schöftland und Unterkulm meinetwegen».

Und Sie hätten Recht, denn immer auf die Gleichen, das ist nicht fair. Tausende von Autos, die ohnehin schon durch einen hindurch fahren (was vermutlich kitzelt) sind genug. So viele Lüftungsschächte, die all die Abgase nach oben – an die Hautoberfläche – transportieren, stinken zum Himmel. Und überhaupt: Warum haben die Menschen den Hauptstollen damals nicht so sicher gebaut, dass es gar nicht erst einen Sicherheitsstollen brauchte?

Aber als Berg kann man noch so gut argumentieren, man beisst auf Granit, Zentralmassiv hin oder her. Oder wie promovierte Geologen sprichwörtlich sagen: «Als Berg geboren – schon verloren». Der Gipfel der Ungerechtigkeit ist, dass uns Steine all dies eben nicht mitteilen können, nicht einmal in der entspannten Atmosphäre bei einer Hot Stone Massage im Wellnessbereich. Man schweigt sich gegenseitig an. Geologen gelten übrigens als überdurchschnittlich humorlos.

Apropos Humor: Berge gelten ebenfalls als äusserst griesgrämig, wie gelegentliche Bergstürze beweisen. Permafrostig und blutleer. Der Gotthard ist da keine Ausnahme, leider. Und er hat ein Herz aus Stein.

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So oder so

6. Februar 2014

Weitsicht ist gefragt, bei den eidgenössischen Abstimmungen im Februar. Wer zum Beispiel vorhat, demnächst zum Pflegefall zu werden, der sollte die sogenannte Einwanderungsinitiative ablehnen, weil viele Ausländer in Pflegeberufen tätig sind. Vielleicht würde es nach einem Ja auch weniger Pflegefälle geben. Denn nur wer gepflegt wird, ist ein Pflegefall. Alle anderen sind einfach Fälle.

Sie sehen: Die Sachlage ist komplex. Genauso ist es mit den Menschen, die im Gastgewerbe arbeiten. Sie sind auch komplex. Auf das vielbeklagte Beizensterben könnte das Kellnersterben folgen. Gemäss Prognosen bei der Rauchverbots-Initiative vor ein paar Jahren sollte es heute sowieso keine Bars und Restaurants mehr geben, Migration hin oder her. Item.

Andere Länder haben massiv weniger Probleme mit der Migration. Zum Beispiel Senegal. Oder Frankreich. In Frankreich gibt es die Fremdenlegion. Treten sie dort ein, kriegen Sie die französische Staatsbürgerschaft, blitzkriegartig, migratis. Natürlich hinkt dieser Vergleich so stark wie ein Veteran, denn die wenigsten möchten der Fremdenlegion beitreten und fast gar niemand möchte Franzose werden (schon nur wegen dieser eigenwilligen Sprache nicht).

Fest steht: Die verschiedenen Abstimmungen sind nicht aufeinander abgestimmt. Gleichzeitig zur Einwanderungsinitiative hätte man doch eine Initiative für den Bau einer neuen Stadt lancieren müssen, in der eine Million Menschen leben können. Oder eine Milliarde. Im Kanton Jura ist doch genügend Platz vorhanden. Aber nein, da sprechen die Leute ja auch französisch. Die Idee ist also nicht ganz zu Ende gedacht. Wie Eingangs gesagt: Weitsicht ist gefragt.

Jein

4. Februar 2014

Da wird mit Zahlen jongliert, dass es Herrn und Frau Schweizer ganz schwindlig wird ums Abstimmherz: Bern weiss offenbar immer noch nicht genau, wie viele Menschen 2013 in die Schweiz migriert haben. Luzern übrigens auch nicht. Manche politischen Parteien zählen die Grenzgänger mit dazu, manche die Familiennachzüge, manche die Welschen. Zwischen acht Tausend und acht Millionen wurde schon nahezu jede Zahl genannt, von beiden Seiten. Was wir wissen: Wir wissen es nicht.

Es kursieren je nach Meinungsmache auch ganz unterschiedliche Namen für die Initiative: Einwanderungs-, Abschottungs-, Abgrenzungs- und Übervölkerungsinitiative buhlen um die Gunst der Stimmbürger. Jeder Wortakrobat darf einen neuen Begriff erfinden bei diesem politischen «Scrabble». Die Debatte um das sprichwörtliche volle Boot bringt das Fass zum überlaufen. Am Schweizer Ufer des Bodensees wird ein zweites Lampedusa befürchtet.

Zuweilen hat die eine Partei ganz dreist das Plakatdesign der anderen kopiert, aus Ironie, worauf die andere Partei nicht minder schlau die Kopie nochmals kopiert hat, aus Zynismus. Das gehört offenbar zur Politik. Da wird mit harten Bandagen gekämpft, mit Migranten aufeinander eingeschlagen, sozusagen. Auf der Strecke bleibt der Stimmbürger, der die offiziellen Abstimmungs-Unterlagen durchlesen muss, um sich zu informieren. Schwarz auf Weiss. Eine Zumutung.

Die einen argumentieren, die S-Bahn sei wegen der Migranten überfüllt, die anderen entgegnen, das sei nur wegen der vielen Bahnfahrer. Eine Partei spricht von überteuerten Wohnungen, die anderen von einer Blase. Ein paar Ökonomen sogar von Blasenschwäche. Manche Schweizer sind so begeistert über die Einwanderung, dass sie am liebsten nochmals einwandern würden. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Würden mehr Wohnungen leer stehen, dann wären die S-Bahnen nicht überfüllt.

Darum ein Appell: Am 9. Februar unbedingt an die Urne migrieren! – Wobei: Das Abstimmlokal ist sicher total überfüllt. Oder abgeschottet.

Jein

12. Juni 2013

Höchste Zeit für ein bisschen Fremdenfeindlichkeit. Schliesslich stimmen die Abstimmbürgerinnen und Abstimmbürger (kurz: Idioten) bald über die Änderung des Asylgesetzes ab. Das ist dringend. Inzwischen bricht nämlich der arabische Sommer an, und im Herbst fallen die ersten faulen Äpfel von den Bäumen. Nach diesem wunderschönen Einstieg – der absolut keinen Sinn macht – schnurstracks zum Thema: Was sollen Herr und Frau Eidgenosse in die Urne werfen? Keine einfache Frage, denn es sind eine Reihe von Halb-, Falsch- und Ganzinformationen im Umlauf.

Hand in Hand mit der Abstimmung geht natürlich die Frage, wie sich der pflichtbewusste Bürger denn fundiert informieren soll. Viele verlassen sich auf die einseitigen Berichte dieser (mehrseitigen) Gratiszeitungen, nicht wenige finden selbst dafür keine Zeit und fast niemand glaubt diesbezüglich jemandem, der nicht er selbst ist. Jeder zweite Tag werden Berichte publiziert über kriminelle Tunesier und Algerier, hauptsächlich in den Zweitageszeitungen. Bis heute ist kein einziger – nicht einmal ein klitzekleiner – Artikel erschienen über kriminelle Schweizer in Tunesien. Oder über algerische Gefängnisse, die mit Schweizer Schelmen überfüllt sind.

Nein, es ist ständig von Scheininvaliden, Scheinehen, Scheinasylanten und Kriminaltouristen die Rede, von Wirtschaftsflüchtlingen, die Schein-Asylanträge stellen, von echten Flüchtlingen, die gefälschte Papiere auf sich tragen, von gefälschten Flüchtlingen … – äh, genau, der bekennende Laie findet sich in diesem Wirrwarr gar nicht mehr zurecht. Das ist unrecht: Am meisten leiden die Scheinkriminellen darunter. Ach ja, dies ist übrigens ein Scheintext, aus juristischen Gründen.

Zu recht appellieren viele Kreise – zuweilen auch Agronomen (Fachjargon: Kornkreise) – für eine differenziertere Berichterstattung in den Medien. Die meisten Menschenrechts-Organisationen zum Beispiel dementieren, dass alle Tunesier in der Migros Diebstähle begehen. Und sie haben recht. In Tunesien gibt es keine Migros. Amnesty International ist so unglaublich international, dass man am liebsten alle Pässe der Welt einsammeln und willkürlich wieder verteilen würde. Man stelle sich das vor. Auf einen Schlag sind Sie Chinese. Und der Brenner steht am Gotthard.

Jedenfalls lohnt es sich, vor der Abstimmung genauer hinzuschauen und nicht einfach eine subjektive Entscheidung zu treffen, nur weil man zum Beispiel in den letzen zwei Monaten drei Mal von einem Asylbewerber überfallen worden ist. Es gibt nämlich sehr, sehr viele Einwohner in diesem Land, denen das nicht passiert ist. Am weitaus schlimmsten dürfte uns die Ironie wohl treffen, wenn wir nach der Abstimmung auf dem Weg nach Hause überfallen und ausgeraubt werden. – Von einem Schweizer. Also, von einem eingebürgerten natürlich.

Könnte sein

11. März 2013

Diese Abstimmung ist ja mehr oder minder verwirrend: Wenn Sie gegen die Abzocker-Initiative sind, dann können Sie sich immer noch für den Gegenvorschlag entscheiden. Also ja oder nein? Am Dagegensten sind Sie allemal, wenn Sie sowohl die Initiative als auch den Gegenvorschlag ablehnen. Das grenzt an Rebellion. Nicht wenige wünschten sich, sie könnten ein klares «Vielleicht» in die Urne legen.

Es wird ja auch viel geschrieben in diesem Abstimmungskampf, geschweige denn gelesen: Vom Casino-Kapitalismus bis zum Casino-Sozialismus, von Managern, die nicht arbeiten, bis zu Arbeiter, die das nicht managen. – Alle haben irgendetwas zu sagen zum Thema Ungerechtigkeit, weil ja jeder betroffen ist. Direkt. Ungerechtigkeit ist sozusagen populär geworden.

Was nicht selten vergessen geht: Wenn sich jene zum Thema äussern, die schlicht keine Ahnung von nichts haben, dann ist das ungerecht gegenüber jenen, die eigentlich etwas davon verstehen würden, jedoch dadurch nicht zu Worte kommen. Tatsachen und Meinungen. Ein Gemisch. Manche reden auch nur, weil die Luft gratis ist.

Und genau das haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, den Kampf gegen die ungerechte Verteilung der Worte, die uns an den Abgrund treiben wird. Oder sogar noch einen Schritt weiter. Wir kämpfen dafür, dass in der Politik nur noch das gesagt wird, was auch nur annähernd Sinn macht. Als erstes wird in einem Pilotprojekt die Herbstsession auf einen Tag gekürzt.

Aber dies ist nur der Anfang unseres linguistischen Klassenkampfes, wir machen weiter, unermüdlich. Kampf der Casino-Phrasendrescherei! Gegen die Silben-Abzockerei! Nieder mit den Worthülsen! Und zum Schluss die Kernbotschaft: Zwei Mal Nein. Vielleicht.

6 Wochen Ferien. Für fast alle.

6. März 2012

Der Titel der Initiative spricht uns direkt aus dem Herzen: «6 Wochen Ferien für alle». Wer soll denn bitte dazu ein Nein in die Urne werfen? – Eben. Und «für alle» soll hoffentlich gelten. Für Arbeitslose und Pensionierte, für Inhaftierte und Asylanten. – Keine politischen Mogelpackungen mehr! Ferien für alle!

Was Herr und Frau Stimmbürger irritieren dürfte sind die Plakate der Gegner. In grossen Lettern steht da «Mehr Ferien = weniger Jobs» geschrieben. Was soll das heissen? Na ja, wenn der Arbeitnehmer so lange in den Ferien weilt, dann merken seine Kollegen, dass man ihn gar nicht so nötig hat und seine Stelle wird gestrichen.

Nein, natürlich ist alles anders. Warum sollen Arbeitgeber neue Stellen schaffen, wenn die Arbeiter für so lange Zeit faul in der Sonne liegen? Genau, so muss der Slogan gemeint sein. Da ist es auch verwunderlich, dass Unternehmungen heutzutage noch Männer einstellen, die drei Wochen pro Jahr zum Militärdienst müssen. «Mehr Militärdienst = weniger Jobs» könnte der Werbespruch heissen. Vom Mutterschaftsurlaub ganz zu schweigen (schon gut, liebe Mütter, bitte nicht mehr anrufen!)

Bevor wir jetzt allzu ketzerisch werden, ein Appell für die Ablehnung der Vorlage und die Einreichung eines realistischen Gegenvorschlags: «7 Wochen Ferien für alle ohne Abbau von Arbeitsplätzen, dafür mit mehr Pausen und mehr Lohn». – Voilà! Wir sind dafür.

Der kleine Unterschied

19. Februar 2011

Im Endeffekt ist alles eine Frage der Differenzierung: Waffen können, müssen jedoch nicht gefährlich sein. – Nein, ein Schiessgewehr kann auch zu viel ruhigerem Schlaf verhelfen (und damit ist nicht der Tod gemeint). Was soll ein strammer Schweizer denn bitte schön machen, wenn jemand sein ehrlich verdientes Hab und Gut klauen will? – Eben: Durchladen und draufhalten. Schon mancher Gärtner hat so seinen Aufenthaltsort ein paar Meter tiefer verlegt, weil er spätabends an den Arbeitsort zurückkehrte um die vergessene Rasensprenganlage auszumachen. Oder die Hausherrin.

Die meisten Todesfälle passieren sowieso als Folge von Missverständnissen. Am eindruckvollsten ist dieser Fakt im Film «Rambo – der Auftrag» illustriert. Wobei sich auch hier die Frage aufdrängt: Was hätte denn bitte schön der Protagonist gemacht, wenn seine Waffe nicht sofort einsatzbereit gewesen wäre, sondern deponiert im Zeughaus? – Eben! Der Film wäre noch länger, gerade wenn wir das Arbeitstempo der Zeughausangestellten in Betracht ziehen. Und vielleicht hätten die bösen Kommunisten gewonnen. Wäre ja noch schöner.

Was ja den Weg in die Statistiken und daher in diese schlauen Grafiken niemals findet, sind diejenigen Wehrpflichtigen, die eigentlich eine Gewalttat mit ihrer Ordonnanzwaffe geplant hätten, es aber schliesslich haben bleiben lassen. Vielleicht, weil sie vor dem Affekt nochmals sorgfältig das Dienstreglement der Armee durchgelesen haben. Oder weil sie vergessen haben, wie man das Ding da, dieses Gewehr durchlädt. Oder aus spontaner Unlust, wir wissen es nicht.

Das ist eine dieser berühmten Dunkelziffern, von denen Statistiker oft und gerne sprechen, wenn ihnen die Fakten ausgehen. Wenn die Profis nichts mehr zu sagen haben und ihrer Meinung ein bisschen mehr Nachdruck verleihen möchten, dann halten sie den feuchten Finger in den Wind und sagen Dinge wie «mehr als fünfzig Morde pro Jahr werden in böser Absicht begangen. Die Dunkelziffer ist weitaus höher». Genau.

Das kann man gut finden oder nicht. Es ist – wie eingangs erwähnt – alles eine Frage der Differenzierung.

An die Waffen!

16. Februar 2011

Nicht ohne Grund heisst es ja «Das Gewehr ist die Braut des Soldaten». Vorbildliche AdA (das heisst im Fall «Angehörige der Armee») tragen denn auch ihre Waffe über die Schwelle, nehmen sie überall hin mit, hegen und pflegen sie. Gut, was sie sonst noch so mit ihrem Sturmgewehr machen, zu später Stunde, wollen wir nicht wissen. Worauf ich hinaus will, lieber Leser: Haben Sie schon ein einziges Mal mit dem Gedanken gespielt, Ihre Frau ins Zeughaus zu bringen? – Eben! Damit sind jegliche weitere Diskussionen obsolet. Rufe nach einer Deponierung der Armeewaffe im Zeughaus sind – wir haben gut aufgepasst – im Grunde äusserst frauenfeindlich.