Eine Ode an den Ellenbogen

Als erstes sollte man beim Einsteigen möglichst viele andere Passagiere anrempeln, ein bisschen, um Revieransprüche zu markieren. Und es fördert einfach die zwischenmenschlichen Kontakte, denn heutzutage – mit all diesem virtuellen Tand – kommen Berührungen einfach zu kurz. Zeigen Sie Einsicht und schubsen Sie, die anderen haben das verdient. Schliesslich spricht man von Stosszeit.

Das von promovierten Ingenieuren ausgeklügelte Konzept der modernen Bahnwaggons basiert auf der Prämisse, dass sich das Transportgut – um hier ein bisschen mit Jargon zu prahlen – gegenseitig auf die Sprünge hilft: Herumtrödeln, unmotiviert stehen bleiben, planlos das Smartphone streicheln und nicht vorwärts machen, nein, das liegt bei der modernen Bahnreise einfach nicht mehr drin.

In unserer Zeit ist das gesamte Bahnnetz von Genf-Guoträn bis Chur total überlastet, was jeder annähernd aufmerksame Bürger erkennen kann, weshalb die SBB geradezu gezwungen ist, den Fahrplan so exakt zu takten, dass für Ineffizienzen aller Art schlicht kein Spielraum vorhanden ist. Das einzig Störende bei der Computer-unterstützten Planung ist der Passagier. Er lässt sich nur bedingt simulieren.

Der Fahrgast nämlich erinnert sich während des Aussteigens an seinen Mantel, der noch im Wagon liegt, spannt seinen Regenschirm mit gefühlten drei Metern Durchmesser bereits im Eingangsbereich auf oder will unbedingt demonstrieren, dass der kleine Justin schon ganz alleine die Treppe hinunterstolpern kann. Manche erbrechen sich auch während des Aussteigens, weil sie auf der Fahrt einen enormen Durst entwickelt hatten, der ab und an reflektiert.

Ja, Bahnreisende vergeuden diejenige Zeit, die dringend benötigt würde, um den Fahrplan noch enger zu takten, damit mehr Bahnreisende befördert werden könnten. Darum – um den Kreis zu schliessen – ist es geradezu die Pflicht des verantwortungsbewussten Passagiers, freundlich aber bestimmt zu schubsen und zu schimpfen, wo es nötig ist. Wir dienen damit der Gesellschaft. Und der Effizienz. Selbst wenn dafür kein Dankeschön zu erwarten ist für diesen Dienst an der Allgemeinheit. Von diesen egoistischen Ignoranten.

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