Wunderhaar

Wir können die Realität nicht leugnen: Der Damenbart erfreut sich einer wachsenden Popularität, und dies nicht nur in linken Sozialpädagoginnen-Kreisen, sondern – schauen Sie sich um – einfach überall, wo auf ein stilvolles Auftreten grossen Wert gelegt wird. Ein regelrechter Siegeszug, nicht nur im Haargau. Und nein, das steht in keinem Zusammenhang mit der Islamisierung.

Am Anfang war das Achselhaar, das von Banausen lange verpönt war und inzwischen detailverliebt frisiert im Abendkleid oder im Bikini das Auge des Ästeten entzückt. Als die deutsche Sängerin Nena in den Achtzigern mutig eine Lanze brach und ihre Achselfrisur zur Schau stellte, war das Showbusiness empört und die «Bravo» als Branchenprimus veröffentlichte ganz gemeine Artikel (wir lieben Dich immer noch, Nena, Du bist die Beste). Heute vernehmen wir nur noch Schulterzucken ob des Anblicks von spriessender Natürlichkeit.

Die Männerwelt unternimmt derweil den verzweifelten Versuch, mit den fortschrittlichen Frauen gleichzuziehen, wobei sie mit einem nicht zu unterschätzenden Nachteil konfrontiert sind: Achselhaare waren bei Männern noch nie sonderlich verpönt, nicht einmal bei Tarzan, dessen Achselhöhlenfrisur sehr exponiert ist, wenn er sich an der Liane von Baum zu Bar schwingt. Und Bärte waren schon immer salonfähig, sofern sie nicht Aussehen wie jener von Stephan Klapproth. Warum hat Tarzan eigentlich keinen Bart? Item.

Was tun, um modisch Schritt zu halten? Der Trend verlagert sich momentan klar auf die Nasenhaare, die nunmehr spriessen dürfen wie Kresse im veganen Reformladen: Entweder archaisch ungekämmt oder stilvoll gepflegt ragt der Schmuck als Nasenkoteletts aus den Geruchsorgan und beglückt die Gegenüber mit sanftem, rhythmischem Hin und Her der Atembewegungen. Ein Segen. Nach Flut kommt die Ebbe, nach Ebbe die Flut.

Zudem hat die Männerwelt einen weiteren Trumpf im Ärmel um den Rückstand zum anderen Geschlecht bezüglich Haarpracht aufzuholen: Die Ohren. Tatsächlich lassen sich Ohrenhaare passend zum jeweiligen Kleidungsstil frisieren, was an gesellschaftlichen Anlässen nicht selten mit neidischen Blicken und staunenden Ausrufen («oh», «ah») quittiert wird. Ein Ohrenschmaus.

«Man hat ihn, oder nicht», singt der helvetische Künstler «Bligg» – der übrigens ziemlich viel Haare im Gesicht hat – über den Stil ins Mikrofon, und Recht hat er. Beweisen Sie also Ihren angeborenen Stil, liebe Leserin, lieber Leser, und tragen sie Rasierapparate, Epiliergeräte und dergleichen erhobenen Hauptes zur Entsorgung. Nach kurzer Zeit werden sie feststellen, viel, viel besser anzukommen bei Ihren Mitmenschen.

Und einen guten Nebeneffekt hat das Spriessen der Haare allemal: Man hat einfach wärmer im Gesicht und an den Ohren. Und unter den Armen. Das ist nicht zu vernachlässigen bei einem schlechten Sommer. Und spart Heizkosten im Winter. Was wiederum die Klimaerwärmung reduziert und die Welt rettet.

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