Zehn Minuten

Bolivien. Eine Busfahrt von Cochabamba nach Sucre dauert 11 Stunden, versichert der Mann am Ticketschalter mit Vertrauen erweckender Miene. Gut. Nachtfahrten sind gefährlicher als Tagfahrten, wegen der Überfälle. Sagt Lonely Planet. Allerdings spart der Tourist beim Ersteren eine Übernachtung in der Herberge. Gut: Nachtbus.

Mit einer Stunde Verspätung fährt der Bus los. Während der Fahrt hält der Chauffeur ein paar Mal an, um weitere Passagiere aufzunehmen, die jedoch keinen Sitzplatz mehr finden. Sie legen sich im schmalen Korridor hin. Ihr Fahrtgeld wandert in die Taschen des Personals. Jedem das Seine.

Um etwa drei Uhr morgens zieht ein wüstes Gewitter auf, weshalb der Bus zum Stehen kommt. Es herrscht Erdrutschgefahr. Das Dach des Fahrzeuges ist offenbar ein Schönwetter-Dach, denn die Insassen erhalten eine kalte Dusche.

Schliesslich fahren wir weiter, doch an vielen Stellen ist die Strasse überspült. Dann steigen ein paar Männer aus (auch Fahrgäste) und machen mit Schaufel und Pickel den Weg passierbar. Keiner murrt.

Etwa eine Fahrstunde vor dem Ziel hat sich ein regelrechter Fluss quer durch die Piste gepflügt. Mit normalen Werkzeugen ist da nichts zu machen. Schade. Ein paar Leute steigen aus und begutachten die Situation. Pause.

Ich frage den Fahrer, was man da mache. Die Antwort: „Wir können nicht durch“. Gut, das ist einleuchtend. Immer noch Pause.

Ich frage, was wir jetzt machen würden. „Wir können nicht durch, wir müssen warten“.

Angesichts der grossen Wassermenge, die über die Strasse plätschert, hake ich nach, auf was wir warten müssten. Seine Antwort: „Wir müssen warten“. Der Fahrer lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Unter den Gästen sind Frauen mit Kleinkindern. Egal. Warten.

Nach etwa zwei Stunden Warten im Ungewissen verlangen wir unsere Rucksäcke aus dem Gepäckraum und waten – gemeinsam mit einem anderen Touristenpärchen – durch das Wasser ans andere Ufer, an dem sich glücklicherweise ein kleines Dorf befindet. Dort feiert man (es ist der 2. Januar) immer noch Neujahr und ist ziemlich betrunken. Sehr ziemlich.

Trotzdem organisiert ein hilfsbereiter Bewohner ein Auto, welches uns sicher nach Sucre bringt. Insgesamt sind zehn Personen in einen Kombi gepfercht, das Gepäck auf das Dach geschnallt. Die am Strassenrand stehende Polizeipatrouille allerdings winkt uns durch. Mit etwa sechs Stunden Verspätung treffen wir in Sucre ein.

Szenenwechsel: Zürich Hauptbahnhof, abends. Stosszeit. Der Zug nach Lenzburg-Aarau-Liestal-Basel ist überfüllt. Viele Pendler haben die Stehkarte gezogen. „Infolge einer Stellwerkstörung hat dieser Zug fünf bis zehn Minuten Abgangsverspätung“. Und dann bittet die metallene Stimme um Verständnis. Viele Passagiere ärgern sich, raunen, werden nervös, greifen zum Mobiltelefon, beschweren sich beim Zugbegleiter.

Und zehn Minuten später… – fährt der Zug los.

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