Schokostreusel

Die junge Frau sagt angestrengt freundlich, ich solle noch einen Moment im Wartezimmer Platz nehmen. Gut, das werde ich. Nachdem ich angeklopft habe, öffnet meine rechte Hand die Türe. Ich trete ein, neugierig, wer sich wohl schon im Raum befindet. Es ist niemand da. Acht Stühle mit metallenen Beinen und Lederflächen werben um wartende Menschen, vier auf der einen und vier auf der anderen Zimmerseite. Es ist braunes Leder, teils ein bisschen verblasst. Abgegriffene Zeitschriften auf einem modernen Salontisch laden zum Zeittöten ein. Zaghaft setze ich mich auf eine der unpersönlichen Sitzgelegenheiten. Sie sind bequem.

Ich lege die Hände locker auf meine Oberschenkel, die Flächen nach unten.

Warum habe ich diesen Stuhl gewählt? War es Zufall oder hat mein Unterbewusstsein das Zepter geschwungen? Vor meinen Augen spielt sich eine Filmszene ab, die von einem chronischen Pechvogel handelt, dem irgendwelche Leute eine Falle stellen, indem sie einen von etwa zehn Stühlen bearbeiten und den unwissenden Mann bitten, Platz zu nehmen. Er setzt sich erwartungsgemäss auf den kaputten Stuhl und fällt zu Boden. Scheissfilm! Ist einer dieser acht Sessel manipuliert?

Ich verschränke die Arme, verstecke Teile meiner Hände unter den Armen.

Die Wände sind weiss. Eine nervöse Fliege dreht ihre Kreise und bittet darum, Zerquetscht zu werden. Ich nehme eine Zeitschrift vom Stapel, nicht um zu töten, sondern um zu lesen. Sie ist langweilig, beinhaltet belanglose Artikel über Fitnessübungen oder berühmte Leute. Einer ist von Fitnessübungen berühmter Leute. Dumpf legt sich das Magazin zu den Kollegen zurück. Gleich und Gleich gesellt sich gern. Erst jetzt bemerke ich das Ticken der Uhr, die an der Ostwand hängt. Sie gefällt mir, hat ein blaues Zifferblatt mit weissen Zahlen darauf. Sieht einfach gut aus. Wenn du mit einer schweren Krankheit im Wartezimmer sitzt, kommt dir das Ticken vielleicht lauter vor, als sonst. Vielleicht.

Ich presse meine Handflächen aufeinander, als ob ich zum Gebet ansetzen würde.

Auf dem Salontisch, neben den nervtötenden Magazinen, steht eine Vase. Blumen scheinen sich mit letzter Kraft aufzuraffen, um schön, um frisch auszusehen. Wahrscheinlich sind es …  – Ach, was weiss ich, welche Sorte das ist! Egal. Sie haben die Aufgabe, dem Patienten ein warmes Gefühl zu verleihen, ein vertrautes, fröhliches Gefühl. Bei den meisten wird dieser Effekt eintreten, doch ich mag Blumen nicht besonders gerne. Warum eigentlich nicht?

Ich balle meine Hände zu Fäusten.

Die Assistentin des Arztes öffnet die Türe und sagt, dass ich jetzt an der Reihe sei. Sie muss Torte gegessen haben. An ihrem rechten Mundwinkel klebt ein einsames Schokostreusel.

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