Alles ist Kunst. Alles.

Kunst ist nicht nur, was gefällt. Es wäre zu simpel, zu erklärend und zu oberflächlich vereinfachend. Denn alles ist Kunst.

Spucke ich an einem warmen Sommernachmittag aus voller Kehle auf den Gehsteig: Es ist Kunst. Zum einen, weil sich die zähflüssige, ekelerregende Masse während des Fluges elegant dreht, um die eigene Achse, sich verformend, in mehrere Teile zerteilend. Zum anderen weil der Aufprall der Spucke auf dem Gehsteig ein angenehmes Geräusch verursacht und – rein visuell – ein kleines Spektakel darstellt. Würde man bei dieser nicht ganz gesellschaftskonformen Tätigkeit beobachtet, käme noch die Provokation hinzu, der sich der Zuschauer aussetzt. Viele Künstler möchten provozieren, aufrütteln.

Steigt Rauch aus dem Kamin und schlängelt, windet sich elfengleich und mit einer unreal anmutenden Eleganz, dann ist das Kunst. Kunst soll die Menschen bewegen. Und je nach Wahrnehmung stellt der Rauch des Kamins ein Kunstwerk ohne gleichen dar. Das Bild, die Konstellation nämlich ist niemals gleich, ändert sich von Sekunde zu Sekunde und formt ein neues, schöneres oder nicht mehr so schönes, je nach Geschmack.

Schürfe ich mir das Knie auf muss es Kunst sein. Erstens der Unfall selbst, der genau betrachtet ein Zusammenspiel von Wunder ist, weil die schnelle Reaktion und das daraus resultierende, geniale Zusammenspiel der Muskeln eine schlimmere Verletzung vermieden haben. Zweitens der Heilungsprozess, der sich beobachten lässt und – so finde ich – vielen zu wenig bewusst ist. Es ist genial. Der Mensch selbst ist Kunst. Schon nur aus diesem Grund muss die Behauptung – dass alles Kunst ist – stimmen. Denn wenn der Mensch Kunst ist, muss alles andere Kunst sein, weil es erst durch die Wahrnehmung des Menschen, der die Kunst ja definieren will, für den Menschen existiert.

Trifft eine Gewehrkugel den Frontsoldaten mitten ins Gesicht, so ist es Kunst. Wenn auch moralisch verwerflich und nicht gerade ästhetisch, so ist ein spektakulärer Inhalt der Szene nicht abzustreiten. Filmschaffende sehen sich als Künstler. Es gibt so viele Kriegsfilme, weshalb Krieg, bzw. der obige Umstand als Kunst gewertet werden muss. Im Moment des Aufschlages der Kugel wirken unzählige physikalische Kräfte zusammen und führen zu einer Kette von Zerstörungen des so genialen menschlichen Körpers. Es ist Kunst, wenn auch destruktive.

Alles ist Kunst in den Augen der Differenzierung, bloss nicht in jenen der Verhältnismässigkeit. Alles ist Kunst, selbst wenn es nicht gefällt, stört und sich der Unbeschreiblichkeit preisgibt. Und wie!

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