Torrekord? Torrekord!

In der heutigen Ausgabe der Zeitung „Sonntag“ ist ein Interview mit FIFA-Präsident Joseph S. Blatter abgedruckt. Nein, wir wollen hier nicht über Sesselklebertum oder Korruption sprechen. Es geht vielmehr um eine Aussage Blatters, die mich nachdenklich stimmt: „Ich rechne an der WM in Südafrika mit einem Torrekord, denn die meisten Spiele finden auf über 1000 Metern statt. Da ist der Luftwiderstand kleiner.“

Gut, das setzt uns einem Wechselbad der Gefühle aus. Amüsiertes Lächeln weicht dumpfem Brüten. Bei Interviews ist das immer so eine Sache, da kann der Leser ja nicht wissen, ob Blatter den Satz mit einem Augenzwinkern, aufgrund nackter Angst vor einem WM-Flop wegen ausbleibender Ticketbestellungen oder während eines Lachanfalls von sich gegeben hat (manche Journalisten schreiben jeweils in Klammern gewisse Gesten oder Gefühlsregungen des Interviewten mit, was ich persönlich sehr begrüsse). Jedenfalls gefällt mir der Zusammenhang zwischen Luftwiderstand und Anzahl Toren.

Die Bälle kommen also mit grösserer Geschwindigkeit auf den Torwart zu. Wobei ja der Keeper zwar nicht schneller reagieren dürfte. Ausser dünne Luft wirke sich positiv auf das Gehirn und folglich auf die Reaktionsgeschwindigkeit aus (da müsste man jetzt einen Neurobiologen kennen, der das wüsste. Oder eine Neurobiologin). Aber der Torwart hechtet ja dann nach dem Ball, und der Weg von Torwart zum heranfliegenden Ball dürfte dann ja ebenfalls schneller zurückgelegt werden, weil der Widerstand seines Körpers kleiner ist. Oder?

Bis anhin war ich immer der Meinung, dünne Luft beeinträchtige die Leistungsfähigkeit des Gehirns, das ja dann mit weniger Sauerstoff versorgt wird. Wobei das ja in diesem Kontext nicht stimmen muss, weil der Sportler in höheren Regionen automatisch mehr Atemzüge macht um das vermeintliche Manko zu kompensieren. Der Begriff „Atmungsaktiv“ wird neu definiert. Gerade Sportraucher stellen in höher gelegenen Gebieten immer wieder fest, dass sie viel stärker am Glimmstengel ziehen müssen, weil das Ding nicht so gut brennen will.

Das Problem (mit der dünnen Luft, nicht mit dem Rauchen) besteht ja vor allem bei Fussballspielen in den Anden. Wir erinnern uns: Vor zirka einem Jahr hat eben dieser Sepp Blatter, der sich jetzt freut, dass mehr Tore fallen, dem bolivianischen Fussballverband verboten, offizielle FIFA-Spiele in La Paz auszutragen. Es darf gelacht werden. La Paz liegt auf 3600 Metern über Meer. Damals hat sich sogar der Staats-Präsident Evo Morales eingeschaltet, um gegen das Verbot zu protestieren, was doch als Anzeichen für die grosse Brisanz des Themas gewertet werden darf. In der Tat gewinnen in der bolivianischen Fussball-Liga die Heimteams von La Paz immer die Spiele gegen Mannschaften aus massiv tiefer gelegenen Regionen. Wie viele Tore da jeweils fallen weiss ich auch nicht.

Noch gar nicht in die Überlegungen mit einbezogen ist der Umstand, dass bei dünner Luft und daher geringerem Luftwiderstand ja auch die Spieler selber schneller rennen können (sofern das mit der Sauerstoff-Zufuhr einwandfrei klappt). Die Stürmer sind also schneller. Und schneller müde. Die Verteidiger allerdings auch, weshalb sich das ja ausgleicht. Vermutlich wird dies einzig zu einer wahren Herausforderung für die TV-Stationen: Die Zeitlupe ist zu schnell. Muss man neu justieren. Eine Partie wird übrigens auch an dieser WM 90 Minuten dauern. Vermutlich.

Um den kausalen Zusammenhang zwischen Luftdichte und Anzahl Toren zu prüfen, könnte man – wenn es mal regnet und kein Bier mehr da ist – die Spiele der WM 1986 in Mexico analysieren. Ein paar wurden nämlich in Mexico-City ausgetragen, was auf über 2000 Metern über Meer liegt. Allerdings könnte der Ball damals gleich schnell oder sogar langsamer geflogen sein, weil A) die Beschaffenheit der Fussbälle damals zweifelsohne anders war als heute und B) der beschleunigende Effekt des geringen Luftwiderstandes von der extrem gut ausgeprägten Luftverschmutzung in Mexico-City aufgehoben worden sein könnte. Item.

So, genug sinniert. Vielleicht hat unser lieber Sepp Blatter ja auch nur einen super-pointierten Witz machen wollen. Und der ist dann nicht so gut angekommen. Dieses Geheimnis wird er wohl mit ins Grab nehmen, weil – die Befürchtungen wollen es so – ein Grossteil der WM-Besucher sowieso von afrikanischen Terroristen oder Banditen erschossen werden. Die Patronen sind ja dort auch schneller.

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2 Antworten to “Torrekord? Torrekord!”

  1. coretex Says:

    Na die Übertragungstechniker werden sich dann dort ja wie zu Hause fühlen. Ich hab nämlich mal irgendwo gelesen, das die Technikcontainer, in denen die Übertragungstechnik läuft wegen des Brandschutzes mit sauerstoffarmer Luft versorgt werden. Und die Techniker, die in diesen Containern arbeiteten bekamen vor der letzten WM erst mal ein Höhentraining, damit sie sich an die Arbeit mit weniger Sauerstoff gewöhnten.

  2. tomfrisco Says:

    Hey Rizzi, geiler Blog. Habe mir mal die Muehe gemacht und einen verschneiten New Yorker Nachmittag dazu benutzt, die Spiele der bolivianischen Liga naeher zu analysieren. Da ich noch genug Bier hatte, bin ich allerdings nicht ueber ein Spiel (2700 m ueber NN) hinausgekommen. Dieses war aber relativ amuesant, da der Keeper von dem Team aus den niedriger gelegenem Ort in der 85 Minute aufgrund von Sauerstoffmangel zusammengebrochen war und der Schiedsrichter trotzdem nicht abgepfiffen hatte und das Spiel nach einer 2-0 Fuehrung deshalb nur 2-2 endete. Bis bald! K aus NYC

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