Das Leben ist einfach

Willkommen in der Welt der unfehlbaren Fernsehkritik. Die gute Nachricht zuerst. «Réduit» ist nicht die schlechteste Sendung des Schweizer Fernsehens. Kulturfanatiker unter uns haben es erraten: Die Rede ist von der Miss-Schweiz-Wahl 2009 in Frankreich. Ja. Dieses Jahr wird das Spektakel am 26. September unsere von Kartoffelchips- und Biergeruch geschwängerte Wohnzimmerluft zum Dampfen bringen, direkt übertragen aus der Arena Genève. Tatsächlich kriegen normal ernährte Menschen einen mittelschweren Heisshunger, wenn sie diese gut organisierte Anhäufung von Knochen über den Laufsteg klappern sehen. Für bedauernswerte Zeitgenossen, die voraussichtlich das TV-Ereignis des Jahres verpassen werden – als triftige Gründe gelten nur Niederkunft, Pandemie, Tod oder alles zusammen – das Wichtigste in Kürze: Zirka 950 Kilogramm Kandidatinnen geben alles, um das Krönchen zu ergattern. Eine fantastische Sendung. Tatsächlich ist weit mehr dahinter, als man auf den ersten Blick glauben könnte. Mehr noch als die visuellen Reize interessiert sich unsereins (allem voran die Männerwelt) für die wirklich wichtigen Informationen, die unsere Nation bewegen, die dafür sorgen, dass sich die Erde weiterhin um die Sonne dreht: Wer sind diese sechzehn wunderschönen Geschöpfe? Wie leben sie, was denken sie? Denken sie? Fragen über Fragen. Ein nicht zu unterschätzender Teil unseres Wissensdurstes wird von der offiziellen Internetseite der Miss-Schweiz-Fabrik gestillt, denn dort sind die Errungenschaften des zivilisierten Werteverständnisses detailliert vorgestellt. Eine Kandidatin hat einen Leberfleck beim rechten Ohr, eine trinkt ständig Eistee (man stelle sich das einmal vor!), eine liebt ihren Mops und eines der Mädchen bastelt aus Büroklammern Mini-Loungestühle. Liebe Leserin, lieber Leser, an dieser Stelle muss es in nahezu jeder Seele «Klick» machen, ganz tief drinnen. Endlich haben wir in unserem bis anhin so tristen Dasein gefunden, wonach wir so lange gesucht haben: Mini-Loungestühle aus Büroklammern. Das Leben macht wieder Sinn. Bemerkenswert ist auch ein anderes Phänomen. Offiziell hat sich ja nahezu keine der jungen Frauen selber zur Wahl angemeldet, sondern wurde – aufgepasst! – unwissentlich vom Bruder, von Kollegen oder von der besten Freundin angemeldet. Sicher. Die Erde ist eine Scheibe. Genau. Trotz allem eine gute Sache. Ein Augenschmaus. Also lästern wir nicht. Eine der Möchtegern-Missen bringt mit ihrer Aussage unfreiwillig alles auf einen Punkt, so, wie es kein Kritiker hätte besser machen können: «Ich sollte gewinnen, weil ich Fröhlichkeit und Einfachheit verkörpere.» So schön! Also nicht verpassen: 26.9. um 20.05 Uhr auf SF1. Oh, das war ja schon. Gratulation, Linda Fäh! Herzliche Gratulation. Ganz einfach.

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Eine Antwort to “Das Leben ist einfach”

  1. Dr. Schaum Says:

    Rizzi, ich bin stolz auf dich!

    Mit etwas mehr blasphemisch politisch unkorrekten Aeusserungen würzen und ich spendier dir sofort eine Campari Spezialbier:-)

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